Ein Spaziergang bei Nacht

San Franzisko. Bist Du schon mal nachts um 1 Uhr in einer fremdem Stadt aufgewacht und raus auf die Straße? Weil Dein Körper sagt: Ich bin hellwach … Das ist der Beginn unseres zweiten Tages in San Franzisko. Unsere Uhren melden unangemessene Zeiten, die Biorhythmen drehen durch, die Sonne verlässt ihre gewohnte Bahn. Das wichtigste Ziel dieses Tages: den Takt der neuen Heimat annehmen.

San Franzisko bei Nacht

Die Nachportiers des Hilton staunten nicht schlecht, als wir zu viert mit Kinderwagen durch die Lobby schlichen, um San Franzisko bei Nacht zu erkunden. Es war gleichzeitig der erste Kontakt mit unserem Stadtteil. Wir erklommen ziemlich steile Straßen, vorbei an Party-People, Nachtwächtern, Obdachlosen und schlaflosen Individuen wie uns. Wir hörten die unterschiedlichsten Sprachen: spanisch, japanisch, chinesisch und natürlich amerikanisch. Die meisten Geschäfte waren geschlossen, aber ein paar Tante-Emma-Länden haben hier rund um die Uhr offen. Wir betraten einen dieser »Liquer Stores« (Likörläden), in dem allerdings nicht Tante Emma bediente, sondern Mister Wuh. Wir lernten, dass nachts zwar alles angeboten wird – von der Banane, über Knabbereien, Kosmetik bis hin zu Getränken –, aber nicht alles zu kaufen ist: alkoholische Getränke darf Mr. Wuh zwischen 10 pm und morgens keine abgeben. Papa musste entweder auf ein preiswertes Gute-Nacht-Bier verzichten oder sich in der Mini-Bar bedienen.

Zurück im Hotel hatten wir es noch mal mit ein paar Stündchen Schlaf versucht, aber um 5:30 Uhr war die Nacht endgültig für uns vorbei. Wir machten uns frisch und beobachteten, wie die Sonne am Horizont das erste Tageslicht andeutete, die Bestätigung, wirklich wach sein zu dürfen.

Im Hotel gibt es sechs Gaststätten und Cafés, von denen zwei bereits um 6 Uhr Frühstück anbieten. Wir suchten das kleinere »The Daily Cup« auf, das laut Eigenwerbung, »der Traum eines jeden Morgenmenschen ist, der einen Blitzstart in den Tag wünscht«. Hier genehmigten wir uns drei riesige »Krispy Kreme Bagels« mit Käsepaste, heiße Milch mit Honig und Café Latte.

Blick von der Mason- in die Pacific-Straße

Ein Blick von der Mason- in die Pacific-Straße: elektrische Kabel hängen in San Franzisko an Holzmasten und gehören zum Straßenbild

Nach dem Frühstück machten wir uns auf den Weg zu einem ersten Rundgang bei Tageslicht. Von Rundgängen kann man in San Franzisko eigentlich nicht sprechen, denn die Straßen verlaufen in der ganzen City exakt senkrecht zueinander. Der Stadtplan sieht aus wie ein kariertes Rechenblatt. Was man auf dem Plan jedoch nicht sieht: die Straßen führen bergauf und bergab wie eine Berg- und Talbahn. Das geht ganz schön in die Knochen.

Wir hatten kein Ziel, also gingen wir die Mason-Straße schnurstracks geradeaus bzw. hoch und runter. Die Ziele fielen uns zu. Für Greta war jeder Hydrant ein Grund zum jauchzen, weil die mit ihrer Haube und den beiden Armen wie kleine Männlein aussahen.

Schon nach 500 Metern begegnete uns an einer Querstraße die erste Kabelbahn (Cable Car), die berühmte historische Straßenbahn von San Franzisko. Sie wird mit unterirdisch verlaufenden Seilen angetrieben und nimmt spielend jeden Berg. Wir kamen nach weiteren 500 Metern sogar an dem Gebäude vorbei, in dem das Maschinenzentrum der Kabelbahn untergebracht ist. Der Backsteinbau ist gleichzeitig Museum, war noch geschlossen, aber durch die Scheiben konnten wir das Herz der Anlage sehen. Im Erdgeschoss rotieren riesige weiße Schwungräder, die die Stahlkabel unter der Straßenoberfläche über ein System von Rollen und Führungskanälen in Bewegung halten. Aus einem angeklappten Fenster drang ein warmer Ölgeruch nach draußen.

Das nächste Ziel ist ein Abschnitt der Lombard-Street, der so steil bergab führt, dass eigentlich kein Auto auf geraden weg herunterfahren kann. Darum hat man dort um 1920 eine Serpentine mit 9 Kurven eingerichtet. Pausenlos fahren Autos die Einbahnstraße in Schlangenlinien herunterfahren. Für Fußgänger gibt es eine Treppe, deren Stufen Greta immer wieder hoch und runterlief. Touristen aus allen Ländern machen ständig Fotos von sich und der Straße im Hintergund. Weil Papa ein altes TYPO-T-Shirt mit der Aufforderung »Ask me« trug, fragte ihn ein Tourist zum Spaß, ob die Bäume rechts der Lombard-Street kanadischer Ahorn seien.

Lombard Street
Die Schlangenstraße: Das Gefälle der Lombard Street wurde mit 8 Kurven entschärft.

Als nächstes Sehenswürdigkeit erreichten wir Fisherman’s Wharf, den Fischereihafen, heute ein Touristen-Jahrmarkt. Wir sahen zum ersten mal die in San Franzisko sehr beliebten Dungeness-Krabben. Überall roch es nach gebratenem Fisch und Meer, manchmal auch weniger appetitlich nach Frittenfett. Trotzdem hatte ich Hunger. Ich aß einen Hot Dog. Danach verließen wir ganz schnell das hektische Viertel aus Geschäften, Jahrmarktbuden und Fressständen.

Wir steuerten Nob Hill und Chinatown an. In der 50er Jahren des letzten Jahrhunderts ließen sich an der Stockton-Steet die Chinesen nieder. Die kunterbunte Straße war so richtig nach meinem Geschmack. Ungezählte Geschäfte mit buntem Schnickschnack, Glückskeksen, Sandalen, Spielzeug, Schwabbel-, Glitzer- und Dödelzeug. Mama kaufte mir ein Gummi-Quallen-Flummi-Yoyo.

sanfran24

Straßenkreuzung in Chinatown: Wir warten auf Grün, nebenan demonstriert ein Chinese gegen Gewalt in der Politik

Die Mittagszeit rückte näher. Unser »Rundgang« war fast beendet, denn wir waren wieder in Hotelnähe. Zeit fürs Mittagessen. Wir entschlossen uns zu einem typischen amerikanischen Imbiss. Da war Lori’s Diner genau das richtige. Hinter einem schmalen Eingangsportal ging es über eine Treppe oder einen uralten, langsamen Aufzug in die erste Etage. Hier erwartete uns eine schrilles Imbissrestaurant im Stil der 60er Jahre, mit alten Radios, Vergnügungsgeräten, Zapfsäulen und einem zersägten, pinkfarbenen Straßenkreuzer. Wir fielen erschöpft in ein rotes, U-förmiges Kunstledersofa und bestellten erst mal eine Runde eisgekühlter Getränke. Danach tischte uns die nette Bedienung Truthahn-Filet, Fish & Chips, Brokkoli, Pommes und Kartoffelbrei auf. Nach dem Essen habe ich zum ersten Mal geflippert, an einem alten Automaten für 25 Cent. Auch Greta fand Spaß am Flippern.

Greta am Flipper in Lori’s Diner
Greta schob sich einen Stuhl an den Flipperautomaten und verfolgte die Silberkugel

Nach dem Essen legten wir einen Mittagsschlaf ein … nicht nur weil wir erschöpft waren, sondern weil wir abends etwas später ins Bett gehen mussten, um hoffentlich die Nacht schlafend zu überstehen. Nach vier Stunden, so gegen 18:30 Uhr, wachten wir auf. Genau die richtige Zeit für ein Samstagabend-Shopping in San Franzisko. Die Drogerie »Walgreen’s« um die Ecke hat 24 Stunden geöffnet, und das jeden Tag. Hier versorgten wir uns mit Keksen, Knabbereien, Getränken, Zahncreme und anderen Dingen des täglichen Bedarfs für die nächsten zwei Wochen.

Das große Kaufhaus »Nordstrom« schließt um 21 Uhr. Es war unsere letzte Station des Tages, weniger zum Einkaufen, sondern wegen des neu eröffneten Café Bistro unterm Glasdach. Wir hatten die einladenden Räume schon vom Hotel aus gesehen. Im Café Bistro speisten wir zu Abend, Papa und Mama einen »Caesar Salat«, wir Kinder je einen Hotdog, »garantiert Brokkolifrei«, stand in der Kinderspeisekarte.

Um 22 Uhr kamen wir wieder im Hotelzimmer an. Ob wir müde genug waren für eine durchschlafene Nacht?

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