Die geklaute Kirche

San Franzisko. Heute ist Sonntag. Und da gehen auch die San-Franziskoer in die Kirche. Wir praktizieren das in Berlin nie. Und wenn ich ehrlich bin, war es auch eher ein Zufall, dass ich mit Mama am Morgen den Gottesdienst in die »Grace Cathedral« aufsuchte. Eine der vielen Besonderheiten dieser Kathedrale: ein Altar gestaltet von Keith Haring.

Altar, Keith Haring

Wir waren zwar hundemüde, aber um kurz vor 4 Uhr war trotzdem die Nacht vorbei. Wenn Greta singend im Bett sitzt, gibt es auch für den Rest der Familie kein Herumdrehen und Weiterschlafen mehr. Dazu meldete sich unser Biorhythmus zu Wort: Ihr seid noch nicht wirklich angekommen, Kinder.

Über der Stadt lag dichter Nebel, so dass wir vom 41. Stock aus nicht mal die Straßenlaternen direkt unter uns sehen konnten. Die Nacht war komisch verlaufen. Irgendwann gegen 2 Uhr gab es einen unglaublichen Knall auf der Straße, wie eine Explosion oder ein Gewitter. Man erwartete jeden Moment das Geheul von Feuerwehren und Polizei. Aber nichts passierte. Gottseidank. Trotzdem hätten wir gerne gewusst, wie es in einer derart dicht besiedelten Metropole nachts zu solch einem Knall kommen kann.

Nach einer ausgedehnten Morgentoilette machten wir uns gegen 7 Uhr auf dem Weg zu einem Frühstückslokal. Wir fanden es zwei Ecken weiter in der Mason Street, und darum hieß es auch »Café Mason«. Weil wir seit dem Aufstehen den Hunger mit Keksen bekämpft hatten, bestellten wir nur ein einziges Frühstück, das »Two for two« hieß, also eigentlich für zwei Personen sein sollte. Trotzdem quittierte die Kellnerin unsere Bestellung ausgesprochen unwirsch: »Nur ein Frühstück für vier?« Uns war’s egal, die Menge entsprach genau unseren Vorstellungen und alle wurden satt.

Nach dem Frühstück begaben wir uns erneut auf Erkundungstour. Der vornehme Nob Hill war unser Ziel, mit 104 Metern der höchste Hügel der Stadt. Die Straßen dorthin gingen ungeheuer steil nach oben. Nach einer halben Stunde erreichten wir die gigantische Grace Cathedral, eine Kopie der Pariser Notre Dame. Die Bauarbeiten begannen 1927, aber die Kathedrale wurde erst 1964 richtig fertig. Ich ging mit Mama hinein, obwohl Gottesdienst war und die Orgel gerade einsetzte – Mama ist da emotional ein wenig empfindlich.

Grace Cathedral

Die Fensterrosette der »Grace Cathedral« wurde erst 1964 fertig gestellt, obwohl sie viel älter aussieht. Die Kathedrale ist von vorne bis hinten eine Kopie verschiedener europäischer Kirchen

Vor dem Dom liegt der kleine Huntington Park. Hier versammeln sich auf verschiedenen Flächen Chinesen, die bedächtig Gymnastikübungen durchführen. Inzwischen blitzte auch die Sonne immer wieder mal durch die tief liegenden Wolken. Es gibt auch einen Spielplatz mit einer Rutsche, wie ich sie noch nie gesehen habe: sie besteht aus vielen kleinen Walzen, über die man mit dem Po hinüberrollt.

Ich bin hundemüde. Papa sagt, ich solle durchhalten, damit wir unseren Tagesrhythmus finden. Er schlägt vor, dass wir mittags Sushi essen, meine Lieblingsspeise. Und damit stand ein weiteres Ziel unseres Spaziergangs fest: das Japan Center. Auf dem Weg dort hin besuchten wir noch den Lafayette-Park, der als einer der schönsten Gärten San Franziskos gilt, mit Kiefern und Eukalyptusbäumen. Unter manchen Bäumen regnete es, was uns überraschte: offensichtlich fingen diese Bäume mit ihren speziellen Blättern die Nebelschwaden auf, und ließen die Feuchtigkeit – zu Wasser konzentriert – nach unten in Richtung Wurzeln tropfen. Im Park gab es einen kleinen Kinderspielplatz, auf dem ich mit Greta schaukeln und klettern konnte.

Mein Appetit auf Sushi wurde unerträglich. Wir schlugen nun den direkten Weg zum Japan Center ein.

Laguna Street Gut erhaltene viktorianische Häuser in der Laguna Street. Durch die Fertigbauweise sehen sie alle ähnlich aus, bei den Fassaden jedoch unterscheiden sie sich durch unterschiedliche Farben und Verzierungen

Er führte durch die schöne Laguna Street, in der viele typische San-Franzisko-Häuser stehen, alle gut gepflegt und bunt gestrichen. Um Viertel vor 11 kamen wir im Japan Center an. Dort sind die meisten Geschäfte auch sonntags geöffnet, wie in der übrigen Stadt, aber die Restaurants servieren erst ab 11:30 Uhr. Wir vertrieben uns die Zeit in einem japanischen Schreibwarenladen. Das war eine aufregende und spannende Erkundung: Noch nie habe ich so viele verschiedene Stifte, Spitzer, Heftchen und Schreibtischartikel gesehen. Die meisten Produkte zierten bunte Comic-Figuren.

Endlich war es so weit: die Restaurants öffneten, und wir betraten den erst besten Sushi-Shop. Papa hat mir gleich eine doppelte Portion Maki bestellt, das waren 12 Teile, die ich alle verdrückt habe.

Anschließend gingen wir in gleißendem Sonnenlicht zurück zum Hotel und versuchten, uns mit einem Mittagsschlaf fit für den Abend zu machen. Doch Greta und ich waren zu aufgeregt. Wir fanden keinen Schlaf, obwohl man das Hotelzimmer gut abdunkeln kann. Also beschlossen Papa und ich, das Hotel-Pool zum ersten Mal aufzusuchen; Mama und Greta kuschelten sich noch ein wenig ins Bett.

Hilton, Pool Schwimmbad-Premiere: Papa und ich weihten das Dachschwimmbad im 16. Stock unsers Hotels ein

Nach dem Schwimmen verließen wir das Hotel für eine kleine Einkaufstour. Papa schlug vor, Sandwiches zum Abendbrot zu kaufen. Wir kamen am Disney-Store vorbei, der tatsächlich geöffnet war. Da waren Gretas und ich nicht mehr zu halten. Wir mussten alles anfassen und ausprobieren. Ich bin ja ein großer Fan vom Kim Possible, und Lilo & Stitch natürlich. Die beliebtesten Disney-Figuren gibt es aus allen Materialien und in allen Größen.

Greta im Disney-Store Greta liebäugelt mit den Mickey-Mouse-Pyjamas im Disney-Store

Papa langweilte sich zu Tode. Wir konnten ihn nicht mal mit einem Trinkbecher aufmuntern, in dem eine Schneekugel eingebaut war. Greta hielt sich jede Menge Kleidchen, Shirts und Schlafanzüge an und jauchzte, wenn es ihr gefiel. Einmal war sie wie vom Store-Boden verschwunden. Wir fanden sie in einem Indianerzelt wieder, wo sie sich mit allerlei Spielzeug vergnügte.

Nemo mit Glücksflosse Seht her, hier auf der linken Seite ist Nemos Glücksflosse zu finden Die Sandwiches schmeckten fürchterlich.

Um 17:30 Uhr legten wir uns zu Bett, viel zu früh meinte Papa aufgeregt, weil wir dann 4 Uhr morgens wieder aufwachen würden. Aber wir Kinder waren völlig am Ende, und Mama fühlte sich ebenfalls angeschlagen. Nachdem Greta innerhalb von 5 Minuten eingeschlafen war, stand Papa wieder auf und drehte noch mal eine Runde um den Union Square. Um 9 Uhr ging auch er zu Bett. Waren seine Befürchtungen berechtigt?

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