Wir feiern Geburtstag

San Franzisko. Liebe Greta, wir gratulieren Dir herzlich zum 2. Geburtstag. Heute wollen wir alle Deine Wünsche erfüllen. Unser erstes Ziel: der einzige Spielwarenladen im Zentrum San Franziskos. Hier suchst Du Dir Kuscheltiere und Toys aus. Dann kaufen wir Schuhe, T-Shirts und eine schöne Hose in Noe Valley. Oder?!

Hotelfenster

Der berühmteste Spielzeugladen San Franziskos hat vor wenigen Monaten für immer geschlossen: FAO Schwarz. Das wussten wir schon vor unserer Anreise. Aber dass die drumherum liegenden Nobelkaufhäuser Macy’s, Neiman Marcus oder Saks Fifth Avenue überhaupt keine Spielwaren führen, das hat uns doch überrascht. Tatsächlich gibt es Downtown kein großes Spielwaren-Angebot mehr, außer dem etwas betagten Jefferies. Für eine kinderfreundliche Stadt ziemlich enttäuschend.

So steuerten wir nach dem Frühstück Jefferies an. Gleich rechtes neben dem Eingang verdrückte sich Greta in eine Abstellecke, in der ein Kinder-Campingtisch mit Miniklappstuhl und einem Sonnenschirm aufgestellt waren. Der defekte Schirm rutschte ständig auf ihren Kopf, was ihr nichts auszumachen schien. Sie spielte in der Enge beharrlich mit dem ausgelegten Plastikgeschirr und -besteck. Wir bekamen sie die ersten 20 Minuten gar nicht in den Laden hinein: Wie kann man da gemeinsam Geburtstagspräsente einkaufen?

Nachdem Papa, Mama und ich mehrere Versuche unternommen hatten, sie mit guten Worten und ausgefallenen Spielzeugen in den Laden zu locken, verabschiedete sie sich irgendwann aus freien Stücken von der Campingecke.

Bei Jefferies Spielwaren

Vor der Plüschtierwand war eine elektronische Spielstraße ausgerollt: jeder Schritt ein anderer Ton

Noch bevor Greta irgend einen Wunsch äußern konnte, hatte ich mich, obwohl ich heute nur die zweite Geige spiele, für eine kleine Hexe im Sarg entschieden … meine akute Hexenphase ist immer noch nicht zu Ende. Mit viel Mühe zwangen wir Greta einen süßen, roten Plüschaffen auf, einen Mundharmonika-Schlüsselanhänger, 4 winzige Gummi-Babys und eine Biegepuppe. Doch ihr größter Wunsch blieb – auch direkt nach Verlassen des Ladens: nicht im Kinderwagen sitzen zu müssen. Das ist wirklich eine harte Nummer, mitten in der Großstadthektik, weil sie unberechenbar hin- und herflitzt, egal ob Bordsteine, Penner, Straßenbahnen, Feuerwehrzüge oder gepanzerte Kurierfahrzeuge ihren Weg kreuzen.

Deshalb machte Mama den Vorschlag, das Zentrum auf dem schnellsten Weg per öffentlichem Verkehrsmittel zu verlassen. Wir nahmen die F-Linie, eine der verrücktesten Straßenbahnlinien der Welt. Die eingesetzten Wagen importiert der engagierte San-Franzisko-Nahverkehrsbetrieb MUNI aus allen Herren Ländern, so dass man eigentlich mit einem Straßenbahnmuseum befördert wird (das jedoch perfekt funktioniert). Wir saßen in einer gelben Bahn, die 1928 gebaut und 1998 in Mailand verschrottet werden sollte. An der Decke hingen noch Werbeflächen aus Milano, alle Beschriftungen – außer den Sicherheitshinweisen – waren in italienisch.

Mailänder Straßenbahn, mitten in San Franzisko

Unsere Straßenbahn wurde aus Mailand importiert, und deshalb heißt der Eingang »Entrata«

Wir fuhren bis zur Endstation Castro Street im Stadtteil Noe Valley, direkt neben den Twin Peaks. Und wieder erwarteten uns Steigungen, wie man sie im normalen Großstadtleben nicht für möglich hält. Ein kleine Gemüsehändler empfahl uns, die 24. Straße aufzusuchen, die – seiner Beschreibung nach – so etwas wie die Bergmannstraße (hier arbeitet Papa in Berlin) von Noe Valley sein muss. Und tatsächlich, der Vergleich kommt hin …

sanfran46

Die 24. Straße in Noe Valley ist die Einkaufsmeile des Bezirks und ziemlich eben, ganz im Gegensatz zu den Querstraßen

Greta war kurz nach der Ankunft in den Hügeln von Noe Valley eingeschlafen und wachte kurz vor der Abfahrt wieder auf. Darum erstanden wir die schönen, roten Converse-One-Star-Sneakers im sympathischen »Shoe Biz«-Laden (2310 24th Street, 94114 SF) ohne Anprobieren.

Der Supermarkt einen Block weiter bot frische Sushi-Lunchpakete an, was natürlich genau nach meinem Geschmack war: 12 Avocado-Maki für 5 Dollar heißt Sushi satt. Wir deckten uns mit weiteren Beilagen ein und verspeisten sie an einer halbschattigen Ecke in der Diamond-Street; hierzu wurde Greta genau richtig wach.

Sushi essen im Freien

Sushi-Picknick in der schönen Diamond-Wohnstraße, Noe Valley

Wir sind rund 5 Stunden durch Noe Valley gelaufen und haben jede Menge verrückter Dinge gesehen: komische Pflanzen, nette Menschen, Hundesitter, Bauarbeiter, antike Autos und kuriose Hinweisschilder. Die schönste Pflanze, der ich begegnet bin, hatte Blütenblätter wie ein Propeller, einen Stengel wie ein Kugellager und einen Halm wie eine Batteriebox. Aber ich schwöre: es war wirklich eine Pflanze, ohne Netz und doppelten Boden.

Eine ganz seltsame Blüte

Hier halte ich die lustigste Blume Kaliforniens in den Händen: sieht aus wie ein Plastik-Taschenventilator, ist aber 100% pflanzlich

Um 15 Uhr verließen wir Noe Valley wieder per Straßenbahn. Zurück im Hotel machten wir uns Gedanken über das Abendessen. Papa fand im Reiseführer eine Empfehlung, die direkt um die Ecke lag: »David’s Deli« in der Geary Street. Hier soll es das beste Roggensandwich der Stadt mit Corned Beef geben. Wir hätten stutzig werden sollen, als unser Nachbartisch zahlte und die Speisen über den Klee lobte (»It was absolut delicous«), obwohl die Teller noch gefüllt waren, als sie die Rechnung bezahlten.

Was wir serviert bekamen, spottete jeder Beschreibung. Papas Essen war die Krönung. Es nannte sich 100 % Beef Meat Loaf, mit allerlei phantasievoll beschriebenen Zutaten. Doch es sah aus, wie ein Scherzartikel-Gericht und roch wie eine aufgewärmte Dose Hundefutter (was uns sogar die Kellnerin bestätigte), die ihr Verfallsdatum überschritten hatte; bezahlt haben wir es trotzdem nicht.

Das ekelhafteste Restaurantessen ever

Sei froh, dass Du das Bild nur ansehen musst: der Geruch war unerträglich

Wir haben gelernt, den Empfehlungen des Reiseführers nur bedingt zu trauen. Viel wichtiger beim Navigieren durch die fremde Stadt sind die eigenen fünf Sinne, gesunder Menschenverstand und die Erfahrungen von Mama und Papa.

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