Zu Besuch bei Erik am Coit Tower

San Franzisko. Der 87 Meter hohe Telegraph Hill wird vom Coit Tower beherrscht. In dem hügeligen Stadtteil wohnten früher Einwanderer und Künstler, die das faszinierende Panorama anzog. Auch heute zählt er zu den beliebtesten Wohngegenden der Stadt. Hier wohnen auch Erik Spiekermann und Susanna Dulkinys, wenn sie sich in San Franzisko aufhalten. Heute waren wir zu einem Besuch eingeladen.

Coit Tower

So gegen 8:30 Uhr ließen wir uns von einem Taxi zum Washington Square fahren, ein kleiner Park im Herzen von Little Italy. Dort gibt es das Restaurant »Mama’s«, in dem wir frühstücken wollten. Leider hat es montags geschlossen (hatten wir das nicht schon mal). So entschieden wir uns für das familiäre Caffé Roma in der Columbus Avenue. Tony Azzollini, der das Café 1989 mit seinen Geschwistern eröffnete, kennt jeden Gast persönlich; wenn nicht, dann tut er einfach so. Der Kaffee wird dort geröstet und schmeckt vorzüglich. Greta und ich genossen frisch gepressten Orangensaft und leckere Croissants.

Anschließend machten wir uns auf den Weg zu Erik in die Vallejo Street. Er wartete auf einen Handwerker, der sich für 11 Uhr angekündigt hatte. Unerwarteterweise wird die Vallejo-Straße kurz vor Eriks Häuschen, nach einer starken Steigung, von einer blumengeschmückten Treppenanlage unterbrochen, die wir mit dem Kinderwagen Stufe für Stufe herunter steigen mussten. Dann hörten wir auch schon Susanna und Erik, die aus dem Fenster ihres schmalen, grauen Häuschens schauten und uns erwarteten. Das war auch gut so, denn eine Hausnummer gibt es noch nicht an der frisch gestrichenen Fassade … wahrscheinlich hat Erik noch keine ansprechenden Ziffern gefunden.

bei Erik Spiekermann

Erik und Susannas Häuschen in der Vallejo Street …

Während sich Erik und Papa ein paar Gedanken zur nächsten TYPO-Konferenz machten, spielten wir auf der kleinen Terrasse. Ralf Weißmantel kam auch noch, ebenfalls ein United-Designer, der zudem ein paar Tage zuvor einen Preis für seine Schriften bekommen hatte. Susanna und Ralf gingen dann bald ins Büro um die Ecke. Und nachdem der Handwerker seine Arbeit verrichtet (= kalkuliert) hatte, verabschiedeten wir uns auch von Erik, um die paar Schritte zum Coit Tower in Angriff zu nehmen.

Der Turm wurde 1933 auf dem Gipfel des Telegraph Hill errichtet, finanziert von der exzentrischen Millionärin Lillie Hitchcock Coit. Sie war ein Feuerwehr-Fan und der Architekt des Turmes gestaltete diesen wie eine Feuerwehrspritze. Man kann ihn aus vielen Stadtteilen San Franziskos sehen, auch aus unserem Hotelzimmer. Wir mussten noch mal Treppen steigen (Filbert Steps) und gingen dann einen spiralförmigen Weg nach oben. Auf dem Parkplatz vor dem Turm hatte man schon eine wunderbare Sicht auf die Bay. Mit den drehbaren Münzferngläsern konnte ich nicht nur in die Bucht schauen, sondern auch direkt hinter mich auf die Besucher.

Der Banken-Distrikt von San Franzisko

Der Blick vom Coit Tower auf den Banken-Distrikt von San Franzisko

Zur Turmspitze führte ein alter Aufzug, der von einem ulkigen Führer gesteuert wurde. Er machte Witze über die Mitfahrenden und spulte nebenbei die Geschichte des Coit Towers ab. Oben war die Sicht großartig. Eine ganze Schulklasse war auch dort, und der Lehrer fotografierte die Gruppe ein Dutzend mal mit den Kameras der Jugendlichen. Dabei zählte er jedes Mal »One, Two, Three«, wobei alle Schülerinnen und Schüler für Sekunden ein gekonntes Hollywood-Lächeln präsentierten, dass gleich darauf wieder in sich zusammenfiel.

Als wir den Coit Tower gerade verlassen hatten und uns auf den Weg ins Tal machten, schlief Greta ein. Am Straßenrand verteilt begegneten wir jungen Menschen mit Staffelei, Leinwand und Pinsel, die sich von der schönen Umgebung inspirieren ließen. Der letzte dieser Gruppe stand schon in den ebenen Straßen von North Beach und malte ein Motorrad ab, das dort geparkt war … er war ein echter Individualist.

Bevor wir uns zum Mittagessen ein Restaurant aussuchten, wollten Mama und Papa, dass ich sie vor der eindrucksvollen Fassade der 1925 erbauten Saints Peter and Paul Church fotografiere. Der Grund: genau an der Stelle posierten einst Marilyn Monroe und der in San Franzisko aufgewachsene Baseballstar Joe DiMaggio für ihr Hochzeitsbild, obwohl die Trauung hier nicht durchgeführt wurde.

Vor der Saints Peter and Paul Church

Hier ließen sich Marilyn Monroe und Joe DiMaggio 1954 nach der Hochzeit fotografieren

Nun suchten wir ein gutes Restaurant. Mama und Papa hatten Appetit auf Dim Sum, und da waren wir am Rande von Chinatown goldrichtig. Wir entschieden uns für den »Licheé Garden« in der Powell Street 1416. Es war eine gute Wahl. Im Stil von Bauchladen-Verkäufern durchkreuzten die Kellnerinnen ununterbrochen das Restaurant und boten köstliche, frische Dim-Sum an. Wir begannen mit einer Portion Sesam- und Tarobällchen. Die frittierten Hühnerfüße lehnten wir dankend ab. Bei den Barbecued Pork Bun und den Pork Dumpling griffen wir wieder zu. Mir schmeckten die Shrimp Dumplinge am besten. Zum Abschluss verdrückte ich wieder einen Mango-Pudding, der aber nicht so lecker schmeckte wie der im May Flower, Geary-Straße.

Als wir anschließend Chinatown durchquerten, machten wir an einem unglaublich großen Zoohandlung halt. Die kleinen Hunde, die man von der Straße aus sah, lockten uns hinein. Drinnen entpuppte sich des dreigeschossige Geschäft als echter Zoo. Im Souterrain gab es eine Fischabteilung, da hätte fast sogar das Berliner Aquarium Schwierigkeiten mitzuhalten. Wir trafen nicht nur auf die Meerwasser-Stars aus »Findet Nemo«, sondern bestaunten jede Menge japanischer und chinesischer Wunderfische: Koys, komische Krüppel-Fische, Unterwasserheuschrecken und sogar Muränen. So was hatten wir noch nie gesehen.

Zoohandlung in Chinatown

Die Zoohandlung in Chinatown bietet tausende exotischer Fische an, die Goldfischeschwärme alleine in sechs überdimensionalen Poolbecken

Wir hatten noch ein Ziel an diesem Tag, das uns Erik und Susanna ans Herz gelegt hatten: das Ferry Building am Hafen. Man erkennt es an dem 71 Meter hohen Uhrturm, der der Kathedrale von Sevilla nachempfunden ist; die Glocken schlagen jedoch wie der Londoner Big Ben. Es wurde 1903 fertiggestellt und war eins der »Bahnhof« aller Schiffsreisenden von und nach San Franzisko. In den frühen 30er Jahren passierten 50 Millionen Menschen jährlich das Gebäude … etwa genauso viele wie heute per Flugzeug die Stadt besuchen.

Nachdem die Bay Bridge 1936 gebaut war, verlor das Gebäude seine Funktion als Tor von San Franzisko. Trotzdem fahren noch heute Fähren hier ab: nach Sausalito, Larkspur, Oakland und anderen Orten auf der anderen Seite der Bay. Die Tickets für die Fähren kauft man sich an Schaltern außerhalb des Ferry Buildings, denn dieses wurde im letzten Jahr zu einer luxuriösen Markthalle umgebaut. Hier findet man duftende Delikatessen aus dem direkten Umland und dem Rest der Welt; der Cowgirl-Käsestand roch am dollsten.

Das Ferry Building, Embarcadero Ecke Market Street

Das Ferry Building am Embarcadero Ecke Market Street war früher das Tor von San Franzisko, heute ist es eine luxuriöse Markthalle

Nun machten wir uns erschöpft auf den Weg durch die Market Street nach Hause, genauer ins Hotel. Aber das ist für uns nach 10 Tagen San Franzisko schon wie ein Zuhause. Sogar Greta erkennt es von weitem und freut sich, wenn wir uns dem Block nähern.

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