Mit der Fähre nach Tiburon

San Franzisko. Wer hatte uns eigentlich den Tipp gegeben, das Hafennest Tiburon zu besuchen? Der Flecken Land auf der anderen Seite der Bucht von San Franzisko hat eigentlich nichts zu bieten, außer einem guten Blick auf die Skyline der Stadt. Und dann gab’s im Supermarkt am Hafen noch die ökologischen Buchstabenkekse von Paul Newman – mit denen haben wir uns auf der Rückfahrt die Zeit vertrieben.

sanfran88

Der Tag begann mit der bekanntesten Attraktionen San Franziskos: einer Fahrt im Cable Car. Die wichtigste Haltestelle, die Drehscheibe Powell-/Market Street, liegt einen Steinwurf weg vom Hotel. Weil der Andrang morgens noch nicht so groß ist, sind wir vor dem Frühstück dort hin. Tatsächlich konnten wir gleich zusteigen. Ein dicker Mann machte mir Platz auf der Bank, weil er sich lieber gleich aufs Trittbrett stellen wollte. Nach ein paar Minuten traute ich mich auch aufzustehen und hinauszulehnen.

Die Cable Cars wurden 1873 in Betrieb genommen. Ihr Erfinder kam auf die Idee, Straßenbahnen mit einem Seil anzutreiben, als er einen schweren Unfall beobachtete: Ein Pferdewagen rutschte auf glatter Straße einen Hügel hinunter und riss die hilflosen Tiere mit. Nach 15 Jahren gab es schon 8 Cable-Car-Linien, vor dem Erdbeben 1906 waren 600 Wagen in Betrieb. Dann eroberten Autos und Busse die Stadt. Im Jahre 1947 wollte man die letzten Bahnen durch Busse ersetzen, doch ein Sturm der Empörung sorgte für den Erhalt der heutigen drei Linien.

Cable Car

Bei den seitlich offenen Cable Cars darf man außen auf der Plattform stehen und sich hinauslehnen

Unsere Linie endete an einer alten Obstkonservenfabrik, auf englisch »The Cannery« genannt. Das rote Backsteingebäude enthält heute Galerien, Geschäfte, Restaurants, Musikkneipen und eine Teddybärenfabrik. Die mussten wir natürlich besuchen. Neben einem Verkaufsraum befand sich die Werkstatt, in der 5 Chinesinnen und ein Zuschneider damit beschäftigt waren, Kunstfelle zu schneiden, zusammenzunähen und zu füllen. Mama und Papa ist es am Ende tatsächlich gelungen, dass wir den Laden ohne Plüschtierbegleitung verließen.

Das National Maritime Museum nebenan war uns bereits gestern vom Coit Tower aus aufgefallen, weil man den riesigen Segelschiff-Dreimaster »Balclutha« schon von weitem aus sehen kann. Doch auch andere Schiffe sind ausgestellt, darunter ein Schaufelraddampfer und ein Schlepper, sowie knatternde Schiffsmotoren, Instrumente, Gemälde und Fotos. Greta gefiel ein altes, aufgebocktes Ruderboot am besten, in dem sie lange spielte und herumfummelte. In dem alten Seehafen gibt es sogar einen kleinen Sandstrand, von dem aus ein paar verwegene Senioren schwimmen gingen. Greta wagte sich auch ganz dicht ans seichte Wasser heran, so dass ich sie schon zurückholen wollte … aber wir blieben alle mal ganz cool. Und nichts passierte.

San Francisco National Maritime Museum

San Franzisko National Maritime Museum: In einem aufgebockten Ruderboot fühlte sich Greta so wohl, dass sie gar nicht mehr heraus wollte

Die nächste Station unseres Hafenrundgangs schlug Mama vor, den Ghirardelli Square. Wir sahen den überdimensionalen Schriftzug auf der ehemaligen Schokoladenfabrik schon vom Pier aus. Er war uns vertraut, weil wir jeden Abend eine Täfelchen dieser Marke auf unserem Kopfkissen vorfinden. In dem Gebäude befinden sich noch Geräte zur Schokoladenherstellung, aber die Tafeln und Pralinen, die hier in zwei gut sortierten Shops verkauft werden, kommen aus San Leandro (liegt auch in Kalifornien). Das Zentrum des Gebäudekomplexes bildet ein Springbrunnen mit Wassernixen und jeder Menge Bronze-Schildkröten.

Wir suchten noch den Geschenkeladen The Sharper Image auf, der bekannt für seine elektronischen Spielzeuge ist. Hier gibt es jede Menge nützlichen und unnützen Kram, von der elektrischen Nasenhaarschneidemaschine bis zum Staubsaugroboter. Am lustigsten waren die lederbezogenen Massage-Sessel. Papa war ganz begeistert von der computergesteuerten Hals-, Schulter- und Rückenmassage, deren geheime Mechanik in der Rückenlehne der Sessel untergebracht ist.

Faux Suede iJoy Turbo 2 Robotic Massage Chair

Papa (links) genießt die computergesteuerte Rückenmassage im 800 Dollar teuren »Faux Suede iJoy Turbo 2 Robotic Massage Chair«

Inzwischen war es 12 Uhr und wir machten uns auf den Heimweg. Erst wollten wir wieder mit einem Cable Car zurückfahren, doch es warteten zu viele Menschen an der Station. So nahmen wir ein Taxi, das uns nicht nur schneller, sondern auch billiger ins Hotel zurück brachte.

Während Papa und Greta ein Mittagsschläfchen einlegten, ging in mit Mama zu Macy’s am Union Square. Dort werden jeden Tag andere Produktgruppen zum Sonderpreis angeboten: Gestern waren es T-Shirts, heute Sportschuhe. Draußen fotografierte mich Mama neben einem der 130 Herzen, die in der Stadt im Rahmen einer Kunstinstallation für karitative Zwecke aufgestellt sind (so was wie die Buddy Bären in Berlin).

Hearts in San Francisco

Ich liebe Mama … eines von 130 Herzen der Installation »Hearts in San Francisco«, die in der ganzen Stadt verteilt sind

Ich glaube, es war eine Homestory in der aktuellen amerikanischen »Vogue«, die den Ausschlag gab, doch noch mit der Fähre nach Tiburon zu schippern. Die Geschichte beginnt so: »From their hilltop estate in Tiburon, Andre Agassi and Steffi Graf can look across the bay and San Francisco preening itself in the sun, while one tower of the Golden Gate Bridge rises magically above a puffy cloud bank.« Zum ersten mal hörten wir am vergangenen Sonntag von dem Flecken Tiburon, den uns eine Familie in einem Café vor Crissy Fields empfahl: » …da ist es wunderschön, immer 10 Grad wärmer als Downtown, wir sind dort oft«. Na ja, und dann gestern noch die Vogue gelesen.

Um 16:25 saßen wir auf der Fähre nach Tiburon, die am Ferry Buildung startete. Es war wieder wunderbares Wetter und das Schiff legte einen Blitzstart hin. Kein Wunder, dass die Fahrt nach 20 Minuten schon wieder vorbei war. Wir verließen das Boot in der Hoffnung auf einen schönen Spaziergang durch Parks, üppige Landschaften und an prächtige Villen vorbei.

Auf der Fähre nach Tiburon

Auf der Fähre nach Tiburon wehte ein unglaublich heftiger Wind; im Hintergrund die Skyline von San Franzisko

Alles nur geträumt. Tiburon ist ein kleines Hafennest mit ein paar Schnickschnack-Boutiken, zwei Supermärkten, einer Tankstelle und jeder Menge dicht bebauter Hügel. Schon die erste Grünanlage – mit See und Springbrunnen – war Privatgelände. Eigentlich wollten wir 2 Stunden bleiben und die Gegend erkunden. Dann entschlossen wir uns doch, gleich die nächste Fähre zurück zu nehmen. Die verbleibende Zeit verbrachten wir im Supermarkt »The Boardwalk«, wo wir uns mit Getränken und Keksen eindeckten.
Tiburon war die erste große Enttäuschung unseres Urlaubs, wobei uns niemand versprochen hatte, dass man hier als Fußgänger glücklich werden könnte. Die meisten Besucher fahren mit dem Fahrrad dort hin, über die Golden Gate Bridge, durch die hügelige Landschaft, und danach mit der Fähre zurück nach San Franzisko.

Als wir dort ankamen, machten wir einen Umweg zu einem 20 Meter hohen Kunstwerk von Claes Oldenburg und Coosje van Bruggen, das vor zwei Jahren unterhalb der Bay Bridge aufgestellt wurde. Es heißt »Cupid’s Span«, also Amors Spannweite. Für mich war es ein Indianerpfeil und -bogen. Papa erlaubte mir, den Pfeil anzufassen. Erst später sahen wir das Hinweisschild mit dem Verbot, das naturgeschützte Weidegras zu betreten und das Kunstwerk zu berühren.

Die 20 Meter hohe Sklulptur »Cupid’s Span« von Oldenburg/van Bruggen

Hier stehe ich vor der 20 Meter hohen Sklulptur »Cupid’s Span« von Oldenburg/van Bruggen, ein riesengroßer Pfeil und Bogen, die im Erdboden versenkt sind

Veröffentlicht in Reisen Getagged mit: , , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.