Entdeckungstour im Exploratorium

San Franzisko. Seit Tagen wünschte ich mir einen Besuch des Wissenschaftsmuseums »Exploratorium«. Immer hieß es: Wenn das Wetter mal schlecht ist. Das Wetter in San Franzisko ist fast nie schlecht. Doch weil es heute morgen tatsächlich mal länger bedeckt war, entschieden wir uns endlich für eine Visite des größten Experimentierkastens der Welt.

Exploratorium

Heute ist unser letzter vollständiger Urlaubstag. Drum haben wir am morgen bereits ein paar Sachen zusammengepackt. Beim Frühstück wussten wir immer noch nicht, was wir an diesem Tag unternehmen werden: Shoppen, herumgammeln, das Museum of Modern Art besuchen (interessiert mich nicht) … Da brachte ich wieder das Exploratorium ins Gespräch, und heute sagten Mama und Papa ja zu meinem Vorschlag.

Das wissenschaftliche Museum bildet eine Einheit mit dem Monumentalbauwerk Palace of Fine Arts, eines der bekanntesten Bauwerke San Franziskos. Es wurde für die Panama-Pazifik-Ausstellung 1915 errichtet, aus Holz und Gips. Im Zentrum einer Lagunenlandschaft steht eine Art Dom mit Rundkuppel, darum herum sind jede Menge 10 Meter hohe »griechische« Säulen aufgebaut. Irgendwie vergass man es nach der Expo abzureißen. Bis 1962 bröckelten die Kulissen würdevoll vor sich hin. Dann entschloss sich die Stadt, das Ensemble neu aufzubauen, aus Beton, die Kuppel ist sogar mit Kupfer gedeckt.

Das Exploratorium befindet sich in einer halbrunden Halle parallel zu den Säulen. Es wurde 1969 von dem Physiker Frank Oppenheimer eingerichtet, ein Bruder des bekannten Atomphysikers. Das Museum ist vollgestopft mit narrensicher zu bedienenden Versuchsanordnungen, mit denen man die Gesetze der Natur selbst erforschen und spüren kann. Es ist das interessanteste Wissenschaftsmuseum der USA und ein Vorbild für viele vergleichbare Einrichtungen. Weil täglich hunderte von Besucher durch die Halle laufen und alle Geräte ausprobieren, sind diese enorm robust gebaut. Eine riesige Werkstatt, die fast ein Viertel des Museumsfläche einnimmt, sorgt dafür, dass kein einziges der 650 Exponate »Außer Betrieb« ist.

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Wo kalte und warme Rohre nebeneinander verlaufen, meldete mein Gehirn beim Anfassen Gefahr, und ich konnte mich nicht dagegen wehren

Viele der Versuchsaufbauten erklärten Klimaphänomene: Wie Erdbeben und Wasserstrudel entstehen, warum Wüsten wandern, welche Kräfte den Wind und Wellen entstehen lassen und wieso es in San Franzisko oft neblig ist. Ein anderer Bereich widmete sich den Kräften, die beim Rotieren eine Rolle spielen: Zentrifugalkraft, Zentripetalkraft, Drehimpuls und -beschleunigung. Diese Kräfte kann man an rotierenden Spielgeräten unmittelbar spüren.

Besonders interessant waren die Sinnestäuschungen. Ein Versuchsaufbau bestand aus spiralförmig verlaufenden Kupferrohren. Die auf der linken Seite enthielten eiskaltes Wasser, die auf der rechten warmes. In der Mitte vermischten sich die beiden Rohrsysteme, so dass abwechselnd warme und kaltes Rohre nebeneinander verliefen. Hielt man die Hand auf das ausschließlich kalte oder das ausschließlich warme Rohrsystem, so war man nicht sonderlich über das Temperaturgefühl überrascht. In der Mitte jedoch drehten die Wärmesensoren unserer Handflächen durch, weil sie nicht wussten, ob sie kalt oder warm melden sollen, denn beide Zustände waren gleichzeitig vorhanden. Das Ergebnis ist ein Reflex: Wir haben alle unsere Hand sofort weggezogen, auch wenn wir es gar nicht wollten.

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Wir schmeißen uns zu dritt auf einen Tischblasebalg und erzeugen einen Nebelring, der meterhoch in die Höhe steigt

Das Ergebnis eines anderen Experiments konnte die Besucher schon aus weiter Entfernung sehen: ein riesiger Nebelring, der in Richtung Decke schoss. Wir erzeugten ihn an einem Tisch, der eigentlich ein großer Blasebalg mit einer runden Öffnung war. Im Inneren wurde ununterbrochen Nebel erzeugt, den man nach wenigen Sekunden durch das Hinunterdrücken der ringförmigen Öffnung auspustete. Raucher erzeugen solche Ringe mit ihrer Kehle.

Der verzerrte Raum ist eines der bekanntesten Objekte des Exploratoriums. Er ist völlig schief und unterschiedlich hoch gebaut, aber die schräge Geometrie ist genau so berechnet, dass der Raum – von außen betrachtet – unverzerrt aussieht. Dabei ist die eine Tür größer als die andere und die Decke auf einer Seite viel niedriger als auf der anderen. Doch Größenunterschiede werden durch eine variable Tiefe wieder ausgeglichen, was das Auge von einem festgelegten Betrachtungspunkt aus nicht mitbekommt.

Optische Täuschung

Glaubt nicht das, was ihr seht. Ich bin nicht so groß wie Mama: sie steht mitsamt der Tür weiter hinten als ich, meine Tür ist kleiner als ihre und der Boden ist auch nicht gerade.

Meine Lieblingsobjekt war eine Malvorrichtung, mit der man Portraits einen Gegenübersitzenden auf eine große Glasscheibe malen konnte. Ein Linse mit einem Raster aus Quadraten half dabei, das dreidimensionale Gesicht in die Fläche zu projizieren. Der berühmte deutsche Maler Albrecht Dürer hatte eine solche Apparatur auch mal erfunden.

Perspektivisches Zeichnen

Perspektivisches Zeichnen auf eine Glasscheibe mit Hilfe einer Linse: das war mein Lieblings-Experiment

Wir waren fast drei Stunden im Exploratorium und hatten vielleicht nur ein Drittel aller Experimente durchgeführt. Papa drehte sich schon der Kopf. Greta und ich hätten vielleicht noch ein bisschen herumgespielt. Und so kann ich mit ziemlicher Sicherheit sagen: Wenn ich noch mal nach San Franzisko komme, werde ich mindestens noch einmal das Exploratorium besuchen, um die verbleibenden Experimente nachzuholen.

Nach dem lehrreichen Vormittag gingen wir in die Union Street mexikanisch essen, eine der schönsten Einkaufsstraßen San Franziskos, mit 300 Läden, Galerien und Kneipen. Den Rest des Tages verbrachten wir in der Nähe unseres Hotels.

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An diesem Drachen in der Eingangshalle unseres Hotels konnte Greta an keinem Tag vorbeigehen, ohne mit ihren kleinen Händchen in seine gewaltigen Zähne zu greifen
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PS: Jetzt will ich aber noch erklären, was auf dem Foto ganz oben zu sehen ist. Das sind wir, aufgenommen mit einer Wärmekamera. Alle dunklen Stellen sind kalt, die helleren Stellen sind die warmen, gut durchbluteten Körperpartien. Seht Euch Mamas und meine kalten Nasen an. Papas Brille ist natürlich auch kalt (ist aber keine Sonnenbrille). Ansonsten ist Papa, aber auch Greta, sehr gut durchblutet. Auf dem Tisch, vor dem wir saßen, waren zwei Metallformen eingebaut: ein Mond und ein Stern. Wenn man seine warme Hand auf die kühlen Metallformen gelegt hatte, und sie dann rasch in die Wärmekamera hielt, hatte man »Tätowierungen« auf der Innenhand, wegen der vom Metall gekühlten Hautpartie.

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