Heiligabend in Weimar

Wie feiert man Weihnachten in einem Hotelzimmer, weitab von zu Hause? Kann eigentlich nicht schwer sein, so lange für Geschenke gesorgt ist. Ich lasse den Tag auf mich zukommen. Der einzige feste Programmpunkt des Tages ist für 19:00 Uhr anberaumt: ein 4-Gänge-Festmenü in den Salons unseres Hotels.

USB-Tannenbäumchen

Zum Glück kam mir vorgestern noch eine zündende Idee für einen mobilen Weihnachtsbaumersatz. Der Zufall spielte auch mit. Kurz vor unserer Abfahrt fiel mir nämlich ein, dass ich noch gar kein Weihnachtsgeschenk für Mama hatte. Genauer gesagt: Ich wusste schon, was ich ihr schenken wollte, hatte es aber noch nicht besorgt. Sie wünscht sich nämlich den gelben Ikea-Wecker Slabang mit Aufnahmefunktion, so dass man einen eigenen Weckton speichern kann. Das gleiche Modell in grau leistet seit einem halben Jahr auf meinem Nachttisch treue Dienste: Ich wecke mich täglich selbst mit den Worten »Aufstehen, Aufstehen, Aufstehen, …!«

Wir starten also ein kleines Ablenkungsmanöver und machen uns auf den Weg zu Ikea Tempelhof. Papa war in den letzten Tagen mehrmals dort und kennt schon den kürzesten Weg von der Tiefgarage in die Markthalle. Der Wecker war schnell gefunden. Dann sah ich in der Lampenabteilung die Glasfaserleuchte Vedum. Sie sieht aus wie eine Perücke unter Hochspannung, mit glühendem Scheitel und glimmenden Haarspitzen. »Das ist ein wunderbarer Weihnachtsbaumersatz« denke ich mir. Papa war auch sofort überzeugt, vor allem, weil die zusammengelegte Tischleuchte in der 40 Zentimeter langen Pappbox platzsparend im Kofferraum zu verstauen war.

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An den Spaziergängen in Weimar nehme ich heute nur mit halber Aufmerksamkeit teil. Ich habe nur eins im Kopf: die Bescherung. Vielleicht geht es den Weimarern ähnlich, denn schon am Mittag bauen sie in aller Eile die Stände ihres Weihnachtsmarkts ab. In Berlin wäre das undenkbar, denn gerade an den Feiertagen und zwischen den Jahren verkaufen sich doch Würstchen, gebrannte Mandeln und Glühwein wunderbar.

Bescherung in Weimar

Bescherung im Zimmer 149/150 des Dorint Sofitel Weimar: drei Christbäume, hunderte von Geschenke

Um 17:00 Uhr ist es endlich soweit: Papa baut mit Hilfe des einbeinigen Glastischs in unserem Zimmer eine Gabenecke auf. Im Zentrum die Leuchte Vedum, darunter ein kleiner, computerbetriebener Plastikbaum aus Papas Büro, der in wechselnden Farben blinkt. Sogar ein echtes Tannenbäumchen gesellt sich noch rechtzeitig hinzu, überreicht mit einer Flasche Wein von den freundlichen Hotelangestellten. Um das Baumtrio sind die bunt verpackten Geschenke ausgebreitet, die sich zu einem farbenfrohen Berg türmen, so wie ich es noch nie gesehen habe.

Neue Kamera ausprobieren

Meine neue Kamera mit »Madi« an der Halteschlaufe: ab sofort mache ich die Bilder für meine Texte selbst

Die Geschenke sind in 4 Gruppen sortiert: ganz links die für Greta, dann Mamas, dann meine und ganz außen die für Papa. Zunächst öffne ich die kleinen Päckchen. Das erste enthält eine elastische, rote Plüschmade mit Kapuze, die ich »Madi« taufe. Dann packe ich einen naturgetreu nachgebildeten Vogel Strauß von Schlaich aus. Nach den Tieren folgt literarischer Stoff: eine CD mit Märchen aus dem Morgenland (von Nadja) und das Buch »Der Wind in den Weiden« (von Mama). Die tollsten Überraschungen verbergen sich in den großen Paketen: eine kuschlig-warme, rote Jacke mit weißer Schneeflocke (Mama), ein Radiorecorder (Oma) und eine Digitalkamera (Papa). Einige der Geschenke begutachte ich vor dem Spiegel im Badezimmer.

Ganz zum Schluss entdecke ich noch ein kleines, weinrotes Tütchen, das ich völlig übersehen hatte. Es enthält eine silberne Halskette mit einem Anhänge in Form einer Flip-Flip-Sandale, dekoriert mit farbigen »Diamanten« – eine tolle Überraschung von Oma Gudrun. Ich rufe sie gleich an, um ihr meine Freude mitzuteilen und mich zu bedanken.

Die freche Klappmaulpuppe »Rosa«

Greta freut sich riesig über den Puppen-Liegebuggy (von Nadja), in den die freche Klappmaulpuppe »Rosa« (von Mama) genau reinpasst

Auch für Greta liegen jede Menge Pakete unter den Bäumen, darunter auch zwei große. Das eine enthält eine lustig aussehe Klappmaulpuppe mit blonden Zöpfen. Man kann mit einer Hand ihren Mund bewegen und mit der anderen in ihre Handschuh-Patschen schlüpfen, um sie zum Leben zu erwecken; Greta lacht sich schief über das sprechende Geschöpf, das ich »Rosa« taufe. Ein längliches Bündel stellt sich als Puppen-Buggy heraus, ein Geschenk von Nadja, das Rosa sofort annahm.

Weihnachtsmenü im Dorint-Hotel

Greta und ich verzichteten auf das 4-Gänge-Menü und wählten unsere Lieblingsspeisen aus der Kinderkarte

Nach der Bescherung suchen wir den Salon unseres Hotels für das Festmahl auf. Rund 50 Gäste nehmen daran teil. Papa und Mama wählen das Weihnachtsmenü (siehe unten), Greta und ich bedienen uns aus der Kinderkarte. Als Nachtisch wählt Greta eine Kugel Eis, die von der Küche mit viel Brimborium zu einem Eisbecher aufgemotzt wird, während ich – gefüllt bis zur Halskrause – lediglich an Mamas Dessert nasche.

Um 21:30 gehen wir zurück auf unsere Zimmer und fallen erschöpft in die Betten.

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Das Weihnachtsmenü 2004

Barbarieentenmousse mit Portweingelée, Rotkohlpurée und Schlehenbirnenvinaigrette

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Wildessenz mit Kräutercrêpesroulade und Wurzelgemüse

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Kalbsfilet unter der Pilzhaube mit Rotweinsauce, Bohnenröllchen und Rahmkartoffeln

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Weihnachtliche Dessertvariation:

Geeister Christstollen
Rumtopfterrine
Nougatpralinés mit Marzipanmantel

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