Die Feininger-Kirche leuchtet nicht

Weimar bietet viele Zeugnisse seiner außergewöhnlichen Kulturgeschichte. Hier wurde die Kunstschule Bauhaus begründet (Walter Gropius), hier wurde gedichtet (Goethe, Schiller), gemalt (Lucas Cranach d. Ä., Lyonel Feininger) und komponiert (Hummel, Liszt). Heute besuchen wir Goethes Grabstätte und die berühmte Feiniger-Kirche im vier Kilometer entfernten Gelmeroda.

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Genau genommen ist Goethes Grab auch Schillers Grab, denn beide Särge sind gemeinsam im Untergeschoss der Fürstengruft aufgestellt. Bevor wir jedoch den historischen Friedhof aufsuchen, machen wir einen Abstecher zur Parkhöhle, die zu Goethes Zeit angelegt wurde. Leider ist sie montags geschlossen, so dass wir ihren Besuch morgen nachholen werden. Gegenüber des Höhleneingangs liegt eine sowjetische Gedenkstätte, die uns magisch anzieht.

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Der rote Stern der sowjetischen Gedenkstätte zieht uns magisch an und lädt zu einer solidarischen Geste ein

An dem plastischen, roten Stern kommen wir nicht vorbei. Auf der Wetterseite hat er ein wenig Farbe verloren, so dass die Kanten weiß schimmern. Auf der Rückseite erstrahlt er unverseht in kräftigem Rot. Mama faszinieren die schmiedeeisernen Zacken und Strahlen der Pforte. Ich fotografiere sie so vor dem Tor, dass sie wie eine strahlende Göttin aussieht.

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Das Tor der sowjetischen Gedenkstätte zieren strahlenförmig angeordneten Stahlstäbe, die eine eindrucksvolle Aura bilden

Anschließend schlagen wir den Weg zum historischen Friedhof ein. Wir treffen auf die Grabstätten von Goethes Familie, seinen Freunden (Charlotte von Stein, Eckermann) und vielen Zeitgenossen. Im Zentrum des Friedhofs steht die tempelartige Fürstengruft. Sie wurde im Jahre 1823 auf Geheiß des Großherzogs Carl August erbaut, der auf dem 1818 eröffneten »Friedhof vor dem Frauentor« eine Begräbnisstätte für die herzogliche Familie wünschte. Sein Baudirektor Clemens Wenzeslaus Coudray baute einen schlichten Rechteckbau mit dorischen Säulen, überwölbt von einer achteckigen Kuppel mit Zeltdach. Im ehemaligen Kapellenraum befindet sich in der Mitte eine ovale Öffnung zum Kellergeschoss, durch die die Särge hinabgelassen wurden, darüber die mit Sternen übersäte Kuppel.
Auf der Rückseite der fürstliche Familiengruft errichtete die Familie 1860 als Begräbnisstätte für die aus Rußland stammende Großherzogin Maria Pawlowna eine russisch-orthodoxe Kapelle.

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Die Fürstengruft auf dem historischen Friedhof von Weimar: im Untergeschoss besichtigen wir die Särge der herzoglichen Familie sowie die von Goethe und Schiller

Im Jahre 1827 wurden die aus dem Kassengewölbe auf dem Jakobsfriedhof geborgenen Gebeine Schillers in der Gruft beigesetzt, 1832 fand Goethe hier seine letzte Ruhestätte. Die Eichensarkophage der beiden Dichter mit den Inschriften »Goethe« und »Schiller« entstanden nach einem Entwurf Coudrays.

Vor 12 Jahren wurde die Gruft saniert. Dabei stellte man die Farbfassung von 1865 und die ursprüngliche Aufstellung der Särge Goethes und Schillers wie der Mitglieder der herzoglichen Familie wieder her. Die russisch-orthodoxe Kapelle wird von der Diözese der russisch-orthodoxen Kirche Berlin genutzt.

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Ebenfalls auf dem historischen Friedhof: die Grabstätte von Goethes enger Freundin Charlotte von Stein

Am späten Nachmittag, nach Einbruch der Dämmerung, besuchen wir das Örtchen Gelmeroda, nur 4 Kilometer entfernt von Weimar. Trotzdem brauchen wir fast 30 Minuten bis wir dort sind, weil uns das Navigationssystem ins verschneite Feld führt, wo wir uns paradoxerweise fast verirren. Weil Papas Mietwagen nur mit Sommerreifen bestückt ist, schleichen wir im Schritttempo über spiegelglatte Feldwege zurück zur Hauptstraße, wobei uns die Frauenstimme des Leitsystems ständig zum Wenden auffordert. Eine verrückte Irrfahrt.

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Das Modell der Feiniger-Kirche im Garten des Küsters

Als wir in Gelmeroda ankommen, suchen wir vergeblich nach der berühmten, angeblich täglich bis 24 Uhr erleuchteten Kirche. Genauer gesagt: die Kirche soll das Zentrum einer Lichtskulptur in den Feininger-Farben Grün und Blau sein. Doch es ist weit und breit kein Lichtkegel zu sehen. Also fragen wir an einer großen Tankstelle nach. Wir erfahren, dass es sich bei der Feiniger-Kirche um die »Autobahnkirche« handelt, die im Umkreis von 10 Kilometern ausgeschildert ist. Zudem sei sie nur von donnerstags bis sonntags erleuchtet.

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Die Original-Feiniger-Kirche in Gelmeroda, nicht angestrahlt und deshalb kaum zu sehen. Von den Einheimischen wird sie »Autobahnkirche« genannt.

Wir fahren trotzdem hin, was von der Tankstelle aus in einer Minute erledigt ist. Wenigstens ist die Kirche geöffnet. Ein vorbeikommender Bewohner des Städtchens verrät uns, dass der Küster die Pension gegenüber betreibt und dort auch wohne. Im seinem Garten entdecken wir ein Modell der Kirche, erleuchtet mit einem Scheinwerfer. Später erfahren wir von ihm, dass er gelernter Maurer sei und die Kirche im Maßstab 1:10 für einen Festwagen baute. Sie wiegt mehrere Tonnen.

Der Küster begleitet uns zum Innenraum der Kirche, wo er uns wunderbare Ansichtskarten von der wunderbar angestrahlten Kirche präsentiert. Als er uns darlegt, wie teuer die Renovierung und der Betrieb der Kirche seien,trauen wir uns nicht mehr zu fragen, ob er die bunten Scheinwerfer mal kurz für ein Foto anknipsen könne.

gelmer3Der Innenraum der Feiniger-Kirche, rechts eine Auswahl bunter Ansichtskarten mit Motiven der angestrahlten Kirche

Der Maler Lyonel Feininger, geboren 1871 in New York und dort 1956 gestorben, studierte und lebte lange in Deutschland. Thüringen war seine Wahlheimat. Nachdem Walter Gropius 1919 das Bauhaus in Weimar gegründet hatte, berief er noch im selben Jahr Feininger an die Hochschule. Zwischen 1906 und 1954 zeichnete, malte oder lithografierte der Künstler immer wieder die Kirche von Gelmeroda. Man findet seine Ansichten des Sakralbaus in den angesehensten Museen der Welt.

Und so können wir zu Recht behaupten, dass die Kirche mit dem schlanken, spitzen Turm zu den berühmtesten Gotteshäusern der Welt gehört. Darum ist nur schwer zu verstehen, warum die Gelmerodaer ihr berühmtes Bauwerk als Autobahnkirche (Nr. 7) anpreisen und ausschildern. Kein Wunder, dass sich kaum jemand an den Ort verirrt: Wir bewegten uns rund eine Stunde völlig allein in und um die Kirche herum.

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Das Foto einer Feiniger-Kirche-Ansichtskarte mit angestrahlter Kirche, aufgenommen in der Feiniger-Kirche

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