Greta nervt (manchmal)

Es ist nicht immer einfach mit meiner kleinen Schwester. Am Morgen ist sie unausstehlich. Zum Glück kann ich mich vormittags am Meer etwas entspannen: beim Bau meines Sandboots, das ich »Wilde Brise« taufe. Zwischendurch veranstaltet Greta ein paar kleinere Störmanöver, aber sie war zu müde, um ihre Offensiven bis zum bitteren Ende durchzuziehen.

Beschriftung meines Bootes Wilde Brise

Beschriftung meines Bootes »Wilde Brise« (Ausschnitt)

Aus meinem Papiertagebuch: »Karfreitag. Heute morgen war Greta so richtig schön Scheiße drauf. Als Mama und ich noch im Bett lagen, wollte sie auf sich aufmerksam machen und hat sich total doll an den Nachttisch gerammt … und dann losgeheult. Ich habe es nicht beachtet, sondern mein Buch weiter gelesen.

Beim Frühstück war auch Gretas neuer Kumpel Sebastian wieder da, mit dem sie immer in der Spielecke herumkuschelt. Am Tisch vor mir sitzen ein Mann und eine Frau. Der Mann dreht sich andauernd um und glotzt mich an. Mama ist beim Yoga-Kurs. Sie hat mir vorher versprochen, Mühle mit mir zu spielen.

Nach dem Frühstück sind wir in den Ruheraum gegangen. Er heißt ›2001 und Nacht‹, weil die orient-roten Sitzgelegenheiten ein paar Zentimeter über dem Erdboden liegen.«

Nach dem Frühstück fahren wir mit dem Wagen Richtung Ostsee. Wir machen einen Bogen um den ungemütlichen Badeort Boltenhagen. Unser Ziel ist ein kleines Nest namens Wohlenberg, wo laut Landkarte eine Strandpromenade beginnen soll. Da der Wanderweg aber parallel zu einer stark befahrenen Straße verläuft, suchen wir uns lieber eine ruhige Liegestelle im nahen Sandstrand. Die Sonne scheint, aber es weht ein kühler Wind. Glücklicherweise sind wir zünftig gekleidet.

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Dem Klima angemessen gekleidet … das ist wichtig am Ostseestrand

Papa beobachtet mit dem Fernglas zwei Taucher, die sich an einer hässlichen Anlegebrücke aus Stein ins eiskalte Wasser begeben. Greta sammelt Muscheln, während ich beschließe, ein großes Boot aus Sand zu bauen. Hin und wieder kommen Spaziergänger bei uns vorbei. Manche führen die in dieser Gegend anscheinend sehr beliebten Schäferhunde aus. Andere kommen mit gestiefelten Kindern, die sich im Sand austoben; wir hatten unsere Gummistiefel leider im Hotel vergessen.

Das Zentrum meines Schiffs bildet eine Steuervorrichtung aus halb verkohlten Holzbalken – Überreste eines Strandfeuers. Die Kombüsentür konstruiert Greta mit vier Stöckern, die man nicht berühren darf, sonst schreit sie gleich beleidigt los. Papa sorgt für die Beschriftung meines Boots mit Kieselsteinen.

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Ich, am Steuer meines Boots »Wilde Brise«, links Gretas Kombüsentür, die man nicht berühren darf

Gegen 12:00 Uhr brechen wir wieder auf, weil Mittagessen angesagt ist und für Greta ein Schläfchen. Wir packen unseren Kram zusammen. Die Stöcke nehme ich wieder an mich. Auf einmal kommt mir die Idee, mit den Hölzern ein Geigenständchen anzutäuschen. Papa stimmt gleich mit einer Luftgitarre und einem beherzten »Yeah, Yeah, Yeah« ein … und so verlassen wir Wohlenberg mit einem Lied auf den Lippen.

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Bevor wir den Strand bei Wohlenberg verlassen, geben wir ein Ständchen

Beim Zurückschauen fragen wir uns, ob die Gegend wirklich zum Baden gedacht ist. Sie macht den Eindruck eines ehemaligen militärischen Sperrgebiets: überall Betonplatten und schäbige Bruchsteine. Die Straßenlaternen rosten vor sich hin, manche sind schon verfallen. »Betreten auf eigene Gefahr« steht auf einem großen Schild geschrieben. Ich glaube, dieser Strandabschnitt wird uns so schnell nicht wiedersehen.

Postsowjetische Landungsbrücke (Wohlenberg, Ostsee)

Mamas stilechte »Impression einer postsowjetischen Landungsbrücke«, die den Strand von Wohlenberg ziert

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