Aufregung im Dom San Giovanni

Zum ersten Mal steht Kultur auf dem Ausflugsprogramm. Wir besuchen Volterra. Die Stadt liegt auf einem Berg, und so erklärt sich auch ihr Name: volare heißt fliegen und terra heißt Erde. Also: die Stadt, die über die Erde fliegt. Ein wunderschöner Name. Ich frage mich, ob sich auch deutsche Städtenamen so erklären lassen. Warum heißt Berlin Berlin, Potsdam Potsdam und warum Dortmund Dortmund? Eine poetische Auslegung fällt mir nicht ein.

Volterra wurde vom Stamm der Etrusker, gegründet, die ihre Städte meistens auf Bergen errichteten. Die alten mauern des Städtchens sind weitgehend erhalten. Das Zentrum Volterras bildet der Piazza dei Priori (Baubeginn 1208). Hier steht das älteste Rathaus der Toskana. Sein Inneres zieren Fresken aus dem 14. Jahrhundert. Auf dem Platz liegt auch ein Geschäft mit Alabaster-Figuren, wo ich mir eine kleine Eule kaufe.

Der Alabaster-Laden auf der Piazza dei Priori bietet die größte Auswahl der heimischen Handwerkskunst

Auf der Rückseite des Platzes steht der große Dom San Giovanni. Davor treffen wir auf Marktstände, wo nicht nur Waren angeboten werden, sondern auch Handwerker ihre Kunst vorführen. Wir beobachten einen Schuhmacher, der gerade unzählige Nägel in eine Sohle schlägt. Leider haben wir seine Antwort auf unsere Frage, ob es ein Wanderschuh oder ein Eisschuh werde, nicht verstanden. An einem anderen Stand produziert eine Künstlerin Goldschmuck. Die Armreifen und Ringe besteht aus ganz fein gehämmerten Plättchen, die sie mit einem spitzen Meißel erzeugt.

Auf dem Domplatz hämmert ein Schuhmacher zig Nägel mit abgerundeten Köpfen in Schuhsohlen

Wir machen Rast in einem kleinen Café, wo ich eine Ansichtskarte für Nadja schreibe. Greta ist schon ganz wild, die Karte in den nächsten Briefkasten zu werfen. In Italien sind Briefkästen rot, so viel wissen wir schon. Aber es ist gerade keiner zu sehen. Also muss Greta die Karte noch ein bisschen spazieren tragen.

Wir betreten den kühlen Dom, der berühmt ist für seine reich verzierte Kanzel und eine blau-goldene Stuckdecke. In einem Seitenschiff ist eine Krippe untergebracht. Die wertvollen, fast lebensgroßen Steinfiguren stehen in zwei Nischen hinter schützendem Glas. Vor der einen befindet sich eine riesengroße Sammelbüchse mit einem breiten Schlitz. Papa erklärt uns dazu, dass man in Italien vor Einführung der Euro-Währung fast alles mit Scheinen bezahlt hat. Die Währung hieß Lira, und 1000 Lira entsprachen einem halben Euro. Auch kleine Preise, also 500 und 100 Lira (das entspricht unserem 10 Cent Stück) wurden mit Scheinen beglichen. Und deshalb sind die Schlitze der Kollekten in Kirchen meistens so breit, dass man auch eine Ansichtskarte darin versenken kann. Genau das tut Greta. Wir sehen alle zu, wie die Karte für Nadja ganz langsam in der Säule verschwindet … und konnten vor Schreck nichts unternehmen.

Kurze Rast am Dom von Volterra: Greta hält die Karte für Nadja noch in ihren Händen …

Ich bin stinksauer. Eine halbe Stunde habe ich an der Karte geschrieben und gemalt. Auch Mama, Papa und Greta haben unterschrieben. Jetzt ist sie weg, und ich kann eine neue schreiben. Wer weiß, ob die Karte Nadja jemals erreichen wird. Frankiert ist sie ja. Vielleicht findet sich ein ehrlicher Domhelfer. Wir warten es mal ab.

Die Krippe mit dem Jesuskind, davor die Kollekte mit dem Postkarten-breiten Schlitz (beschriftet mit »Offerte«, was soviel wie Spende heißt), durch den Greta die Ansichtskarte einwirft

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