In Siena

Siena liegt eine halbe Autostunde entfernt von unserer Ferienwohnung. Wir wollen den ganzen Tag dort verbringen. Barbara, eine Betreuerin von Bambino-Tours, kümmert sich um uns Kinder, so dass die Erwachsenen Museen und Kirchen besuchen können. In den Straßen begegnen wir auf Fahnen und Hauswänden den Tier-Wappen der 17 Stadtbezirke (Contraden), die in drei Tagen bei einem Pferderennen gegeneinander antreten. Die Stadt ist im Palio-Fieber, die Vorfreude auf das bedeutendste Volksfest der Toskana.

Festtagsschmuck: Der Fisch Onda ist das Wappentiere eines zentralen Stadtteils (Contrade) von Siena

Wie fast alle toskanischen Bergstädte ist auch Siena eine etruskische Gründung. Die Legende schreibt die Entstehung der Stadt jedoch einem Neffen des Rom-Begründers Romulus zu. Und so ist die römische Wölfin auch das Wappentier Sienas. Im Mittelalter erreichte die Stadt große Bedeutung und wurde zur Rivalin des bis dahin mächtigen Florenz. Höhepunkt der Auseinandersetzungen war 1260 der Sieg des kaisertreuen Sienas gegen das papsttreue Florenz.

Siena wurde für viele Jahrzehnte die mächtigste Stadt der Toskana. Dann raffte 1348 die Pest zwei Drittel der 50.000 Einwohner dahin. Von diesem Schicksal erholte sich die geschwächte Stadt nie wieder und musste sich 1555 dem übermächtigen Florenz beugen. Seit dieser Zeit stagnierte auch die eigenständige kulturelle Entwicklung in Sienas.

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Kurz nach der Ankunft in Siena: Barbara (links), Familie Olbert und wir besprechen den Tagesablauf

Wir fahren mit zwei Autos nach Siena und haben als Treffpunkt den Parkplatz am Fußballstadion vereinbart. Was wir bei unserer Ankunft erleben übertrifft unsere Vorstellungen. Das Stadion liegt in einer Senke mitten im Zentrum, hat also (sicherlich seit Jahrzehnten) keine Möglichkeit sich auszudehnen. Die Tribünen bestehen aus Metallgerüsten und erinnern an die Sitzreihen in Zirkuszelten.

Was den Besuchern als Parkplätze angeboten wird ist nichts anderes als die enge Straße rund um das Stadion, die mit einem Tor verschlossen werden kann. Vom fahrenden Wagen aus bietet sich immer wieder ein wunderbarer Blick auf den saftigen Rasen. Nach der ersten Runde müssen wir das Stadion wieder verlassen, weil sich kein freier Platz findet. Der Pförtner gibt uns die Anweisung, noch mal hinein zu fahren und im Kellergeschoss zu parken. Wir versuchen also auf Rasenhöhe unser Glück und finden tatsächlich den letzten freien Parkplatz, in den wir den Wagen mit Müh und Not hineinmanövrieren. Als wir das Stadion zu Fuß verlassen, ist die stählerne Einfahrt tatsächlich verschlossen. Glück gehabt.

Vor der Kirche San Domenico, direkt neben dem Stadion gelegen, besprechen wir kurz den Tagesablauf. Barbara unternimmt eine kindgerechte Tour durch die Stadt mit Spielen und Picknick. Die Erwachsenen können in Ruhe Museen und historische Gebäude besichtigen. Um 17:00 Uhr wollen wir uns im Botanischen Garten wieder zusammentreffen.

Barbara führt uns als erstes in die große Kirche San Domenico, die im typisch sienesisch-gotischen Stil erbaut sei. In dem Gotteshaus betrachten wir einen schauerlichen Schatz: eine Fingerreliquie der Heiligen Katharina. Dann erzählt uns Barbara die Geschichte der Heiligen Katharina, die ein demütiges Leben im Dienste des Herrn geführt hat. Sie hasste ihren Körper, um allein aus dem Geist zu leben. Manchmal verharrte sie stundenlang nach dem Empfang der heiligen Speise in Verzückung: das Sakrament erfüllte sie so sehr, dass ihr Magen jede andere Nahrung ablehnte. Eines Tages wollte sie nicht mehr schlafen und nicht mehr essen, sondern nur noch beten. Mit nur 33 Jahren ist sie gestorben. Fresken im Inneren der Kirche zeigen Szenen aus dem bewegten Leben der Heiligen.

Mama und Papa besuchen ebenfalls eine Kirche an der Piazza Provenzano Salvani, die Basilika S. Maria di Provenzano. Sie wurde zwischen 1595 und 1604 erbaut und war eines der ersten Bauvorhaben der Medici aus Florenz nach der Machtübernahme. Im Inneren der Kirche findet gerade ein Gottesdienst statt, für nur 4 Gläubige – Papa und Mama nicht mitgerechnet. Angestrahlt von gleißenden Scheinwerfern spricht der Pastor den Segen und bricht das Brot in Form einer Oblate, deren Krachen über Mikrofon und Lautsprecher verstärkt wird. Dann trinkt er einen Kelch Wein, lässt sich von einem Messdiener noch mal nachschenken, trinkt wieder und trocknet den Kelch mit einem Tuch ab. Nach einem kurzen Gebet erlischt das Licht, der Pastor legt sein rotes Gewand ab und die Basilika leert sich wieder.

Basilika S. Maria di Provenzano: Mama und Papa werden Zeugen eines Abendmahls

Ganz Siena bereitet sich auf den Palio vor, das bekannteste Volksfest der Toskana. Die Häuser sind mit Fahnen geschmückt und ständig ziehen Menschen in Trachten durch die Gassen. Der Palio ist ein historisches Pferderennen, das zweimal im Jahr (2. Juli und 16. August) ausgetragen wird. Die Bewohner der Stadt wetteifern dabei um ein Banner mit der Jungfrau Maria drauf (Palio).

Die Wettkämpfer treten für ihren Stadtteil (Contrade) an. Der Stolz auf die Contrade bedeutet den Sienesen mehr als die Zugehörigkeit zur Stadt oder die italienische Staatsbürgerschaft. Drei Runden um den mit Lehm aufgefüllten Campo, dem zentralen Platz, gilt es zurückzulegen. Unser Reiseführer schreibt: »Erlaubt ist alles. Die Peitschen der Reiter dienen eher zum Schlagen der Konkurrenten als zum Antreiben des eigenen Pferdes.« Das Rennen selbst dauert nur zwei Minuten, die Vorbereitungen und Nachfeiern gehen über Wochen. Heute werden die Pferde ausgelost.

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Die Bewohner des Schnecken-Stadtteils (Chiocciola) ziehen mit Trommeln und Fahnen durch die Straßen Sienas

Bei unseren Spaziergängen lernen wir Siena als eine typisch mediterrane Stadt kennen: enge Gassen, die sich in kleinen Plätzen vereinen, wo sich Menschen begegnen oder versammeln. Der Piazza del Campo, wegen seiner Form auch Muschelplatz genannt, ist der Hauptversammlungspunkt der Stadt. Er gilt als einer der schönsten Stadtplätze der Welt.

Umgeben von gotischen Palästen ist er auf den Palazzo Publico (Rathaus) mit seinem schlanken Campanile (Uhrturm) ausgerichtet, das höchste Gebäude der Stadt. Fast übersieht man den fantastischen Brunnen Fonte Gaia am Nordrand. Er ist mit wunderschönen Reliefs eingefasst, die in den Jahren 1409-19 von Jacopo della Quericia entworfen wurden; die Originale sind im Palazzo Publico aufgestellt, am Brunnen befinden sich seit dem 19. Jahrhundert Repliken. Seine Wasserversorgung erfolgt noch heute über ein 500 Jahre altes Aquädukt.

Der Piazza del Campo mit dem Rathaus, vor dem gerade die Pferde für den Palio ausgelost werden

Die Arbeiten am Backsteinpflaster des Campo begannen 1327 und dauerten bis 1349

Der Brunnen Fonto Gaia wird noch heute über ein 500 Jahre altes Aquädukt mit Wasser versorgt

Unsere letzte bedeutende Station ist der Dom Sienas, eine Mischung aus Pisaner Romanik und Gotik. Die Bauarbeiten begannen 1136 und reichten bis ins 14. Jahrhundert hinein. Die Pest beendete 1348 einen geplanten Umbau, der ihn zum größten Gotteshaus der christlichen Welt gemacht hätte. Leider ist die Fassade eingerüstet, so dass wir die gotisch überladenen Vorderseite nur scheibchenweise wahrnehmen können … als spannenden Kontrast zu den schwarz-weiß gestreiften Seitenwänden und der Campanile.

Trotz Baugerüst sind die unterschiedlichen Baustile des Doms zu erkennen: Pisaner Romanik und Gotik

Die Hauptattraktionen befinden sich im Inneren des Domes. Das beginnt mit dem Fußboden, der aus Marmormosaiken und steinernem Intarsien besteht. Der Großteil des Bodens ist die meiste Zeit des Jahres abgedeckt. Doch während der Palio-Wochen sind viele Abschnitte sichtbar. Die Augen brauchen etwas Zeit, um sich an das Dämmerlicht der einst hellen Kirche zu gewöhnen. Heute sind viele Fenster durch Privataltäre reicher Stadtbewohner verbaut. 56 Bildfelder sind im Boden des Domes eingelassen, die führende Sieneser Künstler zwischen 1349 und 1547 schufen. Sie sind umzäunt, aber man kann sie gut sehen.

Papa und Mama leihen sich einen akustischen Führer aus, der die kunsthistorischen Höhepunkte erläutert. Das sind:

  • die Pisano-Kanzel: Nicola und Giovanni Pisano sowie Jacopo della Quericia, die drei bedeutendsten Bildhauer ihrer Zeit, schufen hier eine der ersten frei stehenden Kanzeln mit einem herrlichen plastischen Skulpturenschmuck.
  • die Täuferkapelle: geweiht Johannes dem Täufer, von dem eine vermeintliche Armreliquie hier aufbewahrt wird
  • der Piccolominialtar: auf dem in Gedenken an Papst Pius II , einem der berühmtesten Söhne der Stadt, errichteten Altar findet man zwei Marmorstatuen aus der Schule Michelangelos
  • die Piccolominibücherei: enthält große Chorgesangbücher; ausgemalt ist die Bücherei mit herrlichen Fresken von Pinturricchio, die Szenen aus dem Leben Pius II wiedergeben. Die Landschaftshintergründe und die perspektivische Darstellung sind phänomenal.

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Fotografieren verboten: trotzdem gelang uns dieser Schnappschuss der prächtigen Domkuppel

Unser Siena-Besuch endet um 17:00 Uhr am vereinbarten Treffpunkt: dem Orto Botanico, einem botanischen Garten im Süden der Stadt. Wir sind betäubt von den Eindrücken der Stadt und der Abschied fällt uns schwer.

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