Pisa-Studien

Heute steht Pisa auf dem Programm. Anders als an den Tagen zuvor, fahren wir erst am Nachmittag (il pomeriggio) los, nach Gretas Mittagsschläfchen. Um 16:45 sind wir am Campo dei Miracoli, dem Platz der Wunder. Hier stehen vier der bedeutendsten Baudenkmäler Pisas, darunter der Schiefe Turm.

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Pisa wurde von den Römern zu einer Zeit gegründet, als an dieser Stelle der Fluss Arno ins Meer mündete und ein von der See zugänglicher Hafen gebaut werden konnte. Heute beginnt das Meer durch Aufschüttungen rund 15 Kilometer entfernt von der Stadt. Im Mittelalter sicherte die Flotte Pisas lange die Vorherrschaft der Stadt im westlichen Mittelmeer. Handelsbeziehungen mit Spanien und Nordafrika führten zu Wohlstand und zu kulturellen Neuerungen. Der Machtverlust setzte 1284 mit der Niederlage gegen Genua ein und wurde durch die Verlandung des Hafens beschleunigt. 1506 eroberte Florenz die Stadt, die größte Zerstörung richteten jedoch die Alliierten Bomber 1944 an.

Wir betreten Pisa an der berühmtesten Sehenswürdigkeit, die am Stadtrand gelegen ist, dem Domplatz (Piazza del Duomo). Hier stehen die Taufkirche Baptisterium, der Dom, der Schiefe Turm und der Friedhof Campo Santo. Unser erster Halt ist das Baptisterium, das 1152 in romanischem Stil begonnen und aus Finanzgründen erst ein Jahrhundert später im üppigen Stil der Gotik fertig gestellt wurde. In der Mitte der Kirche befindet sich ein riesiges Taufbecken aus Marmor, in dem die Menschen damals getauft wurden, damit sie den Dom überhaupt betreten duften. In unserem Reiseführer steht: »Achten Sie auf das tolle Echo im Inneren, das dadurch entstanden ist, dass die ursprünglich in der Kuppelmitte sitzende Regenwasseröffnung (für das Taufbecken) nachträglich verschlossen wurde.« Nur wie soll man das Echo testen, wenn ein Schild zur Ruhe mahnt? Doch im selben Augenblick, als Mama den Satz aus dem Reiseführer vorgelesen hat, tritt die uniformierte Kartenabreißerin an das Taufbecken, bittet um Ruhe und demonstriert mit ihrem Gesang das wunderbare Echo.

Die drei bedeutendsten Baudenkmäler Pisas: Baptisterium, Dom und der Schiefe Turm (von vorne nach hinten)

Wir verlassen das Baptisterium und besuchen den gegenüberliegenden Dom, mit seiner viergeschossigen Fassade. Es ist einer der ätesten der Toskana und ein Meisterwerk der Pisaner Romanik. Die Reliefs auf den riesigen Bronzetüren (1180) wurden vom ersten Architekten des Schiefen Turms, Bonanno Pisano, gegossen. Die Höhepunkte im Innenraum sind die Kanzel (1311) von Giovanni Pisano, das Grabmal Kaiser Heinrich VII. (1315), die Kassettendecke und ein riesiger Leuchter, an dem Galileo seine Pendelgesetze experimentell nachwies.

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Unter der prächtig bemalten Kuppel des Domes hängt an einem langen Seil ein Leuchter, mit dessen Hilfe einst Galileo Galilei seine Pendelgesetze herleitete

Eine weitere naturwissenschaftliche Besonderheit der Neuzeit im Dom von Pisa sind die Kerzenspenden. Anders als wir es bisher kennen gelernt haben, zündet man sie nicht an einer Flamme an sondern sie werden elektrisch betrieben. Greta steckt einfach eine Kerze in eine Vertiefung, und schon leuchtet sie. Das spart Wachs, das Reinigen entfällt uns alle Kerzen sind wiederverwendbar.
Wir begeben uns zum Höhepunkt unserer Pisa-Aufenthaltes, dem Torre Pendente, dem wirklich unglaublich schiefen Glockenturm des Doms. Über 800 Jahre hat er bereits auf dem Buckel.

Eine technische Errungenschaft: elektrische Kerzenspende im Dom zu Pisa

Schon beim Bau des dritten Stockwerks senkte sich das Fundament wegen des sandigen Lehm-Untergrundes. Man unterbrach den Bau für 100 Jahre. Bis zum Jahre 1350 baute Tommaso Pisano so weiter, dass er die Neigung in den Bau mit einbezog. Tatsächlich erkennen wir beim genauen Hinsehen, dass die obere Etage fast wieder waagrecht steht. Von hier oben aus führte wiederum Galileo Galilei seine Experimente zur Fallgeschwindigkeit durch. Über 5 Meter weicht der Turm an dieser Stelle von der senkrechten ab.

Zu Galileis Zeiten waren es noch zwischen 2 und 3 Meter. Die Zunahme der Neigung betrug bis 1993 1,2 Millimeter pro Jahr. Dann begannen 11 Jahre lange Stabilisierungsarbeiten, durch die man die Neigung um 38 Zentimeter verringern konnte. Im Dezember 2001 wurde der Turm wieder eröffnet. Eine begrenzte Zahl von Besuchern kann ihn sogar wieder besteigen, für 15 Euro pro Person.

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Ob es Papa gelingt, den schiefen Turm von Pisa wieder gerade zu biegen?

Der Turm besteht aus 8 Treppenabsätzen, einschließlich der abschließenden Glocken-Etage, in der 7 Glocken die 7 Noten der westlichen Musik wiedergeben: c, d, e, f, g, a und h. Die Spitze des Turmes erreicht man über eine Treppe mit 293 Stufen. Kinder unter 8 Jahre dürfen nicht auf den Schiefen Turm von Pisa.

Am Rande der saftigen Rasenfläche der Anlage (Campo dei Miracoli) befinden sich ungezählte Andenkenläden, die den prächtige Stimmung etwas trüben. Auf der Straße dazwischen versuchen sich die Besucher an einer klassischen Perspektiven-Täuschung: sie lassen sich von einem fotografierenden Freund so in eine Position zum Turm dirigieren, dass sie auf einem Foto fast gleich groß wirken und die Hände so anlegen, als stützten sie das schräge Bauwerk. Auch wir versuchen unser Glück.

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Greta macht nach, was tausende von Pisa-Besuchern tagtäglich vorführen

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Wir lassen lassen uns alle anstecken vom Schiefen Turm von Pisa

Nach anderthalb Stunden verlassen wir die Domanlage und wandern Richtung Altstadt. Hier erweist sich Pisa als zweigeteilt, nicht nur weil der Arno mitten durch die Stadt fließt: nur ein kleiner Teil ist mit Touristen überfüllt, der Rest von Pisa ist eine wundervolle, lebendige Toskana-Stadt. Das Straßenbild ist von den rund 40.000 immatrikulierten Studenten geprägt, von denen viele zu Fuß und mit Fahrrädern unterwegs sind. Wir schlendern duch schattige Arkaden mit Geschäften, überqueren Plätze und natürlich auch den Arno, über die Ponte di Mezzo.

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Impression auf der traditionellen Einkaufsstraße Borgo Stretto

Wir bekommen langsam Appetit und halten nach einem Restaurant Ausschau. Zuvor legen wir einen »kulturfreien« Spaziergang durch die Fußgängerzone Corso Italia ein, mit ihren Loggien und ausgezeichneten Geschäften. Zurück an der Piazza Garibaldi machen wir an einem Pizzastraßenverkauf halt, wo man draußen sitzen kann. Bei einer Pizza mit Würstel und kalten Getränken beobachten wir das abendliche Treiben auf dem Platz.

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Die Portale des Geschäftssträßchens Via Oberdan

Über die Einkaufsstraßen Borgo Stretto und Via Oberdan gelangen wir zurück an den Schiefen Turm, wo gerade die Sonne untergeht. Es sind noch viele Besucher dort, aber weit weniger als nachmittags. Sogar den Turm kann man noch besteigen, jetzt ohne Wartezeit.

Gegen 21:00 Uhr erreichen wir unseren Wagen. Auf der Heimfahrt lässt Greta gut gelaunt das alles Erlebte Revue passieren. Wir sind berauscht von den Eindrücken und kehren um 22:00 zurück zur Borgo di Ariano.

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