Indian Summer in San Francisco

Wir sind wieder da: im wunderbaren San Franzisko. Rund 2 Wochen genießen wir in der Stadt den Indian Summer, eine Wärmeperiode im Herbst. Am ersten Tag erleben wir, wie ein Skifahrer die steilen Straßen von San Franzisko hinunter rast, warum ich Dim Sum nicht in einem schäbigen Schnellimbiss in Chinatown zu mir nehmen kann und die Blasenaugen-Goldfische.

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Seit unserem letzten Besuch sind dreieinhalb Jahre vergangen. Greta wurde damals 2 Jahre alt, das heißt: Sie erinnert sich an nichts mehr (gut, dass ich Tagebuch geführt habe). Unser Aufenthalt fiel in die Phase der infantilen Amnesie. Das ist keine Krankheit oder Beleidigung, sondern der Fachbegriff für das biologische Phänomen, dass man sich als älterer Mensch nicht an Ereignisse erinnern kann, die vor dem dritten Lebensjahr stattfanden. Nun ist Greta 6 Jahre alt, das beste Alter für eine Bildungsreise, die wirklich hängen bleibt.

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Greta war damals begeistert vom Fort Point an der Golden Gate Bridge, wo Wellen meterhoch aufs Land brandeten, doch leider erinnert sie sich an nichts mehr, weil unser Besuch in die Phase der infantilen Amnesie fiel

Die aktuelle Reise steht – klimatisch betrachtet – unter einem guten Stern. Die indonesische Wirtin in unserem ersten Frühstückscafé »Zoet« (520 Leavenworth St.; die Bagels sind ein Gedicht) beglückwünschte uns heute Morgen, weil wir San Franzisko mitten im Indian Summer besuchten. Das ist eine sonnige, warme Periode im Herbst, die rund 2 Wochen dauert und irgendwann zwischen Mitte Oktober und Anfang November liegt. Sie versicherte uns, dass gerade die zweite Woche des Indian Summer begonnen habe. Nächste Woche soll es dagegen kalt und regnerisch werden. Wir werden das nachprüfen.

Das Café ist nur einen Block von unserem Hotel entfernt, dem Clift. Das Clift ist ein cooles Hotel (ausgestattet mit Möbeln von Philippe Starck), so cool, dass nicht mal seinen Name groß draußen dran steht … Insider wissen einfach, dass der gelbliche Klinkerbau das Clift ist. Es liegt in der Geary Street/Ecke Taylor. Die Rezeption und die Halle sind durchgestaltet bis zur letzten Glühbirne, die allesamt sehr, sehr sparsam betrieben werden. Dieses Hotel ist für Nachtblinde nicht geeignet. An der hinteren Wand brennt ein Kaminfeuer, davor steht ein überdimensionaler Stuhl, wie entführt aus der Wohnung eines Riesen. Die Aufzüge sind so dunkel, dass man sich kaum in ihren milchigen Spiegeln erkennen kann. Zum Glück sind die Tasten beleuchtet.

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Das Clift Hotel befindet sich in einem fast 100 Jahre alten Gebäude mit 16 Stockwerken an der Ecke Geary/Taylor

Unser Zimmer liegt im 14. Stock, mit einem wunderbaren Blick in Richtung Downtown. Die Lage hatte Papa bei der Reservierung extra gewünscht, denn es gibt nichts trostloseres, als mitten in einer Stadt in einem Hotelzimmer zu wohnen, dessen Fenster Richtung Innenhof liegen, womöglich noch über dem Auslassschacht der Klimaanlage. Die Farben im Zimmer: viel weiß, creme und lavendel. Die meisten Möbel sind aus hellem Holz gefertigt, manche aus orangem Plexiglas. Sowohl hinter den beiden Betten, als auch an der Wand hinter dem Schreibtisch sind Spiegel vom Boden bis zur Decke angebracht. Alle Spiegel lassen sich mit zimmerhohen Vorhängen verdecken. Der Kleiderschrank ist begehbar, man betritt ihn durch einer Tür in der Wand.

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(Foto © Clift Hotel)

Aus dem Hotelprospekt: »Das Clift stellt die gewohnte Hotelphilosophie auf den Kopf. Zwar entsprechen Service und Komfort den traditionellen Ansprüchen, doch das Interieur scheint der herausgerissenen Seite eines surrealistischen Manifests zu folgen: es überbrückt die Kluft zwischen Fantasie und Realität, fügt Dinge zusammen, die nicht zusammen gehören und spiegelt die Sehnsucht nach einer unbeschwerten Kindheit wider, wo uns das Höhlenbauen mit Glückseligkeit erfüllte. Clift ist das Wunderland des Jet-Set.«

Unser Plan für den ersten Tag: spazierengehen, akklimatisieren und Greta die kurvenreichste Straße der Welt (noch einmal) zeigen, die Lombard Street am Russian Hill. Auf dem Weg dorthin machen wir Halt an der Grace Cathedral (Nob Hill), die uns schon beim letzten Mal fasziniert hatte. Vor der Kirche befindet sich ein Fußbodenmosaik, das »Melvin M Swig Interface Memorial Labyrinth«. Labyrinthe sind keine Irrgärten: Sie bestehen aus einem einzigen verschlungenen Weg, der auf möglichst langer Strecke vom Startpunkt zum Ziel führt.

Das Labyrinth vor der Grace Cathedral ist eine Nachbildung des Labyrinths in der Kathedrale Notre-Dame-de-Chartres (Frankreich), das 1200 angelegt wurde. Es ist nach der Geometrie des Kreises konstruiert, hat einen Durchmesser von 13 m und wenn man es komplett durchläuft sind 261 Meter zurückgelegt. Kein Wunder also, dass wir für einen Durchgang fast 10 Minuten brauchten. Greta ist das Labyrinth gleich zweimal abgelaufen, einmal mit Papa und einmal mit mir.

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Das Labyrinth vor der Grace Cathedral hat nur einen Durchmesser von 13 m, und trotzdem legt man auf seinen verschlungenen Pfaden vom Anfang bis zum Ziel in der Mitte einen viertel Kilometer zurück

Die Kathedrale und das Labyrinth liegen ungefähr am höchsten Punkt des kleinen Stadtteils Nob Hill. Die Kreuzung der Straßen California und Powell ist auch der Ursprung berühmter Hotels in San Franzisko: das Fairmont, das Mark Hopkins Intercontinental, Stanford Court und das Huntington Hotel thronen rund um den Huntington Park und erzeugen die spannende Verbindung zwischen Tourismus und elegantem, städtischen Lebensstil. Die Aussicht von hier oben erstreckt sich über die gesamte Stadt und in alle Richtungen der San Franzisko Bay Area.

Russian Hill beginnt direkt nördlich von Nob Hill, liegt südlich von Fisherman’s Wharf und westlich vom Viertel North Beach. Wir laufen die Mason St. herunter bis zum Cable Car Museum, das auch das Kontrollzentrum der Cable Cars ist. Im Tiefgeschoss des Backsteingebäudes treibt ein starker Elektromotor die riesigen Trommeln und Scheiben an, über die die kilometerlangen Kabel der Cable-Car-Linien laufen. Im gesamten Gebäude riecht es nach Metall und Maschinenöl. Es ist sehr laut in der Halle.

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Verschnaufpause am Russian Hill, nach dem Besuch des Cable-Car-Maschinenhaus

Wir verlassen das Gebäude nach 10 Minuten. Ein paar Blocks weiter, Filbert/Ecke-Jones St., werden wir Zeuge von den Dreharbeiten eines Werbefilms. Die Polizei hat mehrere Straßenabschnitte gesperrt, die zudem komplett autofrei sind. Ein Skifahrer mit Helm und rotem Dress wandert durch die Straßen. Überall Techniker und unzählige Fahrzeuge mit Ausrüstung. Wir erfahren, dass hier gerade Der Spot für eine deutsche Automarke gedreht wird, deren Namen ich nicht schreiben soll, sagt Papa, weil die Werbeagentur bestimmt sauer würde, wenn man bereits Details über die Geschichte erfährt, bevor der Film im Fernsehen oder Kino zu sehen ist.

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Ein Skifahrer mitten im sonnigen San Franzisko: Vorbereitung für eine Actionszene, die Teil eines Auto-Werbespots werden soll

Ein Mitarbeiter der Crew verrät uns, dass wir gleich Zeuge einer Actionszene würden. Wir machen es uns in einem Hauseingang auf der gegenüber liegenden Straßenseite gemütlich. Papa holt in einem Supermarkt Getränke und ein paar Kekse. Nach einer halben Stunde ist die Szene aufgebaut. Die Polizeit sperrt die kreuzenden Straßen ab. Der Skifahrer erklimmt die Anhöhe der Jones St., an den Füßen freilich keine Skier, sondern verlängerte Rollerskates. Neben ihm ein Wagen mit Fahrer, Kameramann und Toningenieur. Dann kommt das Kommando des Regisseurs, und die beide »Fahrzeuge« setzen sich in Bewegung. Nach wenigen Metern haben sie richtig Fahrt und rasen über eine Strecke von zwei Blöcken die Jones St. hinunter.

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Warten auf den Skifahrer, der durch die steilen Straßen von San Franzisko rast

Am Ende der Strecke wirft sich der Skifahrer gegen wei hochkant aufgestellte Schaumstoffmatten, die gegen einen Transporte gelehnt sind. Die Szene wird zweimal wiederholt, dann ist sie im Kasten. Anschließend zieht der gesamte Tross in eine Parallelstraße, um dort die nächsten Sekunden des Werbespots zu drehen.

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Der Skifahrer und das Kamerateam jagen über die Kreuzung Jones/Filbert St. …

Nun knurrt uns der Magen. Es ist Zeit für ein verspätetes Mittagessen. Was liegt näher, als das benachbarte Chinatown aufzusuchen? Papa hat Appetit auf Dim Sum, das sind gefüllte Teigtaschen, die in Bambuskörbchen gedämpft werden. Vielleicht ist das ja mal eine Alternative zu meiner Lieblingsspeise Sushi … also einigen wir uns auf Dim Sum und werden am Broadway 676 fündig, »You’s Dim Sum«. Das ist ein ziemlich schmuddeliger Schnellimbiss mit ein paar Tischen, der bei den Chinesen ziemlich beliebt zu sein scheint, den es gibt kaum einen Platz. Im Hinterzimmer befindet sich die Küche, wo die Teigtaschen in großen Mengen von flinken Händen frisch zubereitet werden. Direkt davor die Toilette, die ich unbedingt aufsuchen muss. Über der Türklinke hängt ein Schlüssel mit einer Grillzange als Anhänger dran, damit er nicht mitgenommen wird. Au weiha, ist das Klo versifft und stinkig.

Papa bestellt unterdessen eine Riesenbox mit Dim Sum, rund 20 Teile, Mama eine Reissuppe. Sehr groß ist mein Appetit nicht mehr, nach der Kloerfahrung. Drei Teile bringe ich aber runter. Dass mir und Mama komplett der Appetit vergeht, dafür sorgt ein Chinese am Tisch gegenüber, der sich genüsslich mit einem Zahnstocher in den Zähnen pult und die gelösten Speisereste anschließend auf den Boden spuckt. Papa kriegt davon nichts mit, weil es hinter seinem Rücken passiert, und ist mit Begeisterung die Dim-Sum-Box leer. Mir ist schlecht.

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Die Blasenaugen-Goldfische in der Zoohandlung in Chinatown sehen aus wie animierte Witzfiguren …

Warum haben wir uns eigentlich für »You’s Dim Sum« entschieden. Vielleicht auch, weil direkt gegenüber die spannendste Zoohandlung von San Franzisko liegt. Das wussten wir noch vom letzten Besuch, und ich wollte unbedingt wieder hin. Bei »Pet Central« (660 Broadway) gibt es nicht nur Kois für 1000 Dollar, sondern auch junge Möpse (engl. Pug) für 900 Dollar, Chinchillas, Meerschweinchen, Hamster und Geckos. Der Hit der Saison sind die Blasenaugen-Goldfische (engl. Bubble Eye), die aussehen wie ein Entwurf für einem schlechten Animationsfilm. Unter ihren nach oben gerichteten Augen befindet sich nämlich große Blasen, die mit Flüssigkeit gefüllt sind. Es sieht aus, als würden sie wie ein Trompeter ihre Backen aufblasen. Gruselig.

Mit einem flauen Gefühl im Magen verlassen wir Chinatown. Es dämmert bereits. Ab ins Hotel und schnell in die Heia …. morgen wollen wir Alcatraz besuchen.

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