Buena Vista, Sister

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Vom Buena Vista Park aus wandern wir über Haight-Ashbury zum Alamo Square. An der Ostseite dieses grünen Platzes befinden sich die meistfotografierten viktorianischen Häuser der Stadt. Sie wurden 1895 im Queen-Anne-Stil erbaut. Wegen ihrer Ähnlichkeit heißen sie die »Six Sisters«.

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Wir sind schon mehrfach an dem kuriosen Schuhputzstand neben unserem Hotel vorbeigekommen. Er sieht aus wie ein riesiger Kleiderschrank, indirekt beleuchtet, und ist im rechten der 3 Portale des American Conservatory Theater (A.C.T.) eingebaut, unmittelbar neben unserem Hotel in der Geary St. 415. Weil wir alle Turnschuhe tragen, außer Greta, wollen wir ihre reichlich abgeschrubbten Stiefelchen aufpolieren lassen.

Seit 38 Jahren empfängt Joe Azzolini seine Kunden an dieser Stelle. »Das Geschäft ist sehr schlecht, im Moment« erzählt er uns, während er die erste Portion Schuhcreme mit einer flachen Bürste ins Leder massiert. In den besseren Zeiten nahm er genügend Geld ein, um seine Frau und die 4 Kinder im italienischen Kalabrien zu unterstützen. Doch angesichts der aktuellen Wirtschaftskrise wollen nur noch wenige Menschen 5 Dollar für das Reinigen eines Paar Schuhe oder 6 Doller für Stiefel ausgeben. An einem Tag der vergangenen Woche kamen nur 3 Kunden.

Mit einem Wattestäbchen verteilt Joe eine weitere Dosis Schuhpflege in den Raum zwischen Gummisohle und Leder, während die niemals endende Karawane von Autos und Lastwagen – dazwischen eine aufheulender Krankenwagen – an seinem Schrank vorbeirauscht. »Die Faulenzer auf der Straße und der Trend zum Tennisschuh machen mir das Geschäft kaputt.« resümiert der 77 Jahre alte Shoeshine-Mann. Mit einer Sprühflasche leitet er nun die dritte Reinigungsphase ein. »Es wird die ganze Zeit immer nur schlimmer. Ausgerechnet die einfachen Leute halten mich zur Zeit am Leben.« sagt Joe Azzolini, der nun in seine Weste greift, um gleich darauf sein bestes Polierband über Gretas Blundstones gleiten zu lassen.

Nach 15 Minuten glänzen ihre Blunnies wie am ersten Tag. Wir geben 8 Dollar und wünschen Joe noch einen schönen Tag.

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Joe Azzolini, der seit 38 Jahre seinen Schuhputzstand in der Geary Street betreibt sagt: »Die Zeiten sind schlecht, sehr schlecht.«

Beim Frühstück im Grill »Olympische Flamme« macht Papa den Vorschlag, heute eine weniger beschauliche Seite von San Franzisko zu erkunden: South of Market, auch Soma abgekürzt. Dieser Stadtteil erhielt seinen Namen, weil es sich südlich der Market Street erstreckt.

South of Market bestand früher aus Lagerhallen, Hafen- und Industrieanlagen. Die Neuentwicklung des Viertels begann in den späten 70ern bis frühen 80ern Jahren mit der Errichtung des Konferenzgebäudes »Moscone North Convention Center«. In den 90ern begann die Sanierung und man schuf Einkaufsmöglichkeiten, Museen (z. B. das San Franzisko Museum of Modern Art) und schicke Lofts. In dieser Zeit ließen sich auch die New-Economy-Firmen hier bevorzugt nieder, da billiger und angesagter Büroraum zur Verfügung stand.

Es gibt aber immer noch viele erschreckend armselige Straßen, mit komischen Gestalten und stinkenden Ecken. Außerdem ist es wegen der Baumaßnahmen unerträglich laut. Nach einer halben Stunde sind wir ziemlich genervt, vor allem Greta, so dass wir die Exkursion abbrechen und uns – auf Anregung von Mama – ganz schnell in eine ruhigen Ecke begeben. Papa ruft ein Taxi, das uns in den Buena Vista Park bringt.

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Ampelmann meets Julius: Während Papa mit seinem alten Berlin-T-Shirt durch die Geary St. stromert, bin ich mich stilgerecht in einem Paul-Frank-Shirt gekleidet

Der Buena Vista Park liegt in der Hippie-Region Haight-Ashbury und ist der älteste offizielle Park in San Franzisko, gegründet 1867. Er befindet sich auf einem 175 Meter hohen Berg. Ein Geflecht von Pfaden schlängelt sich von der Haight St. den Hügel hinauf, wo Bäume den Blick auf die Bucht und das Stadtzentrum einrahmen. Wir begegnen nicht nur jeder Menge Hundesittern mit ihren Zöglingen, sondern auch den im Park lebenden Tieren: Eichhörnchen und Kolibris.

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Der Blick vom Buena Vista Park ist, wie der Name schon sagt: gut … wir sehen die Golden Gate Bridge und die sich anschließenden Valleys

Als wir den Park verlassen suchen wir noch ein Haus, das in unserem Reiseführer besonders hervorgehoben ist: die Richard Spreckels Mansion. Es liegt in der Straße Buena Vista West. Die vornehme, 1897 im Queen-Anne-Stil errichtete, Villa ist typisch für die spätviktorianischen Häuser in Haight-Ashbury. Das Haus beheimatete ursprünglich ein Aufnahmestudio, war später Gästehaus und wird heute privat bewohnt von der Autorin Danielle Steel. Zu seinen Gästen zählten früher die Schriftsteller Ambrose Bierce und Jack London, der hier 1906 »Wolfsblut« schrieb.

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Ein Selbstauslöserfoto, aufgenommen im sonnigen Buena Vista Park …

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In diesem Haus (Richard Spreckels Mansion) schrieb Jack London 1906 »Wolfsblut«; heute lebt hier die erfolgreiche Schriftstellerin Danielle Steel

Wir marschieren über die Masonic St. in Richtung Haight Street, die in den 70er Jahren das Zentrum der Hippie-Bewegung war. Wir begegnen jeder Menge Alt-Hippies und Mama meint: »Man sieht diesen Menschen an, dass jahrelanger Drogenkonsum nicht gut für Seele und Körper sind.« In den meisten Geschäften wird nutzloser Plunder angeboten: esoterisches, Kifferzubehör, grelle Klamotten, veraltete Musik, schnelles Essen. Doch in einem Indienladen finden wir ein Paar Sneakers, wie ich sie zuvor noch nie gesehen habe. Papa hat sie im Schaufenster entdeckt. Die Treter von Kashi sind unfassbar exotisch und verrückt. Ich kaufe mir ein rotes Paar im Glamourlook, LCS-10 Red Robin.

Unser Tag endet mit einem ausgedehnten Spaziergang Richtung Heimat (= Hotel). Über einen schmalen, langen Park, der Pfannenstiel heißt (Panhandle), und den Alamo Square. Hier begegnen wir den »sechs Schwestern«, die oben in der Einleitung abgebildet sind: die meistfotografierte Häuserzeile in San Franzisko.

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