Im Herzen des Marina-Districts

Wie viele Kurven hat die Lombard Street? Wer ist Barry Nadel? Was bedeutet die Schildkröte auf dem Display des Segway-Rollers? Wie waschen sich Obdachlose? Was ist ein Garage Sale? Wie schmeckt Fusion-Food? Wo liegt der hier abgebildete Feinkostladen? Diese Fragen und noch viel mehr beantworte der 5. Tag.

sanf40

Wieder erwartet uns ein traumhaft-sonniger Tag. Unser Ziel heute soll der Maritime National Historical Park sein, westlich von Fisherman’s Warf. Das Areal sieht zumindest auf der Karte interessant aus, fast kreisförmig liegen der halbrunde Municipal Pier und der gegenüber liegende Hyde St. Pier im Wasser.

Wir laufen, ganz gemütlich, über Nob Hill und den Russian Hill. Die Leavenworth St. ist sehr abwechslungsreich, manchmal ganz ruhig, dann wieder belebt, mal ohne jeden Baum, dann wieder dicht bepflanzt. Am Ende biegen wir in die Hyde St., eine Cable-Car-Strecke. Auf einmal stehen wir wieder am Serpentinen-Abschnitt der Lombard Street. Greta zählt die Kurven: Es sind acht. Dann werden wir Zeuge einer Wartungsaktion des Nahverkehrbetreibers MUNI. Drei Arbeiter entfernen nach und nach mehrere Abdeckungen des Stahlkabelschachts, um einige Führungsrollen der Cable-Bahn auszutauschen. Dazu lupfen sie einfach das Stahlkabel mit einem kleinen Kran, worauf ein dicker Arbeiter die abgenutzte Rolle entnehmen und ein neue einfügen kann.

sanf45

Der schlangenförmige Abschnitt der Lombard St. ist nicht nur wegen der Serpentinen interessant, sondern bietet auch einen atemberaubenden Blick auf North Beach und die Oakland Bridge

Bevor wir den Maritime National Historical Park erreichen, legen wir noch eine Erfrischungspause im Starbucks Hyde St./Ecke Beach St. ein. Wir Kinder bestellen eine geeiste Schokolade, Mama und Papa genehmigen sich einen Frappuccino.

Den rund 800 m langen Municipal Pier schreiten wir nur ein paar Meter ab, bis wir die Golden Gate Bridge in ganzer Länge sehen können. Es ist einfach zu heiß – und eigentlich auch langweilig – die Betonstrecke bis zum Endpunkt abzulaufen. Aber zwei Segway-Gruppen, ausgestattet mit leuchtend grünen Warnwesten, nutzen den autofreien Weg intensiv zum Üben. Sie dürfen mit Erlaubnis ihrer Trainer das selbstbalancierende Fortbewegungsmittel vom Anfängermodus, auf dem Display dargestellt durch eine Schildkröte, in den Fortgeschrittenen-Modus umschalten. Dann gleiten sie mit Maximalgeschwindigkeit über den Pier.

sanf44

Eine von 2 Segway-Übungsgruppen der Electric Tour Company, die auf dem Municipal Pier endlich Vollgas geben dürfen

Am Schifffahrtmuseum gibt es einen beschaulichen Sandstrand, wo wir uns im Schatten des Gebäudes niederlassen. Wir beobachten, wie eine obdachlose Frau ihre morgendliche Toilette durchführt. Erst schreitet sie – komplett bekleidet einschließlich Turnschuhe – ganz langsam bis zu den Hüften ins kalte Wasser. Nach rund 5 Minuten taucht sie komplett unter. Dann verlässt sie das Nass und lässt sich am Ufer trocknen.

sanf41

Da stehen wir am Sandstrand des Maritime National Historical Park, mit unseren neuen Jeans … im Hintergrund das 1886 gebaute Segelschiff Balclutha, die Attraktion des Hyde St. Pier

Das Schifffahrtmuseum wird gerade renoviert und soll 2009 wieder eröffnet werden. Wir krempeln unsere Hosen hoch und schreiten den flachen Sandstrand ab. Das Wasser ist erfrischend kalt. So halten wir es eine Stunde aus in der brennenden Mittagssonne. Dann sehnen wir uns nach schattenspendenden Bäumen. Wir entdecken auf der Karte das nahe gelegene Fort Mason. Da wollen wir hin. Der Fußweg beginnt schon am Hafen und führt über eine Landspitze, die eine schöne Aussicht auf Alcatraz und die Golden Gate Bridge bietet.

Fort Mason ist eine ehemalige Kaserne der United States Army. Für mehr als 100 Jahre war es eine Stellung der Streitkräfte, zuerst zur Küstenverteidigung, später als Militärhafen. Während des Zweiten Weltkrieges wurde von hier aus der größte Teil der Militärfracht für den Krieg im Pazifik umgeschlagen. Heute ist es Teil des Golden Gate National Recreation Area, ein National Historic Landmark mit über 49 historischen Gebäuden, die über ein Gebiet von 5 Quadratkilometer verteilt sind.

sanf43

Der Eingang von Lower Fort Mason liegt dicht am Hafen, nahe dem Schifffartmuseum

Auf der großen Wiese (»Great Meadow«) des Parks begegnen wir einer Chinesin, die etwas über die Gegend erzählt und uns einen Spaziergang zur Chestnut Street empfiehlt. Diese Straße bildet das Herz des Marina Districts, mit einer bunten Mischung aus Restaurants, Geschäften, Kinos und Märkten – sogar einen Apple Store gibt es dort – zwischen Fillmore und Divisadero Street. Anders als die Haight Street ist sie mehr auf die Bedürfnisse ihrer Bewohner ausgerichtet als auf die der Touristen.

In einer Parallelstraße stoßen wir auf einen Garage Sale, das ist eine Art Flohmarktstand in der eigenen Garage. Die Menschen in San Francisco dürfen einmal im Monat einen Garage Sale veranstalten. Wir kommen mit einem einheimischen Besucher ins Gespräch, der Barry heißt und eine Menge über Gott und die Welt erzählen kann. Er ist Spezialist für Lautsprecher und selbst gebaute Röhrenverstärker, hat auch eine eigene Webseite (museumofsound), die aber nicht viel Inhalt aufweist. Wir fragen ihn nach einem Restaurant, er empfiehlt das »Universal Bistro« Fuzio (2175, Chestnut St.), das wir dann auch aufsuchen. Ich bestelle mir keine Fusion-Food sondern eine rein-italienisches »Angel hair & fresh tomatoes« (hauchdünne Spaghetti, Roma-Tomaten, Knoblauch, Olivenöl Extra Virgine, Basilikum und frischer Parmesankäse). Keine Experimente!

Nach dem Besuch einer Papeterie, dem Apple-Store und einem Friseur (für Papa), wandern wir wieder östlich Richtung Heimat. Auf einmal läuft uns in der Webster Street wieder Barry über den Weg. Er hat ein Buch in der Hand, sein eigenes, mit dem Titel »The Western Electric Loud Speaker and Horn Compendium (by Barry Nadel), eine Art Lautsprecherkatalog, den er Papa unbedingt schenken und widmen will. In einem Postamt, vor dem wir gerade stehen, leiht er sich einen Stift und schreibt seine Widmung in das Buch. Dann verabschieden wir uns von ihm mit einem ortstypischen Gruß: Man stößt die Ellenbogen leicht gegeneinander.

sanf42

The Real Food Company hat einen Laden an der Ecke Fillmore/Filbert St., wo man draußen sitzen kann

Wir haben Durst. An der Ecke Fillmore/Filbert St. entdecken wir einen wunderbaren Bio-Supermarkt (Real Food Co.) mit einem überdachten Eingangsbereich, wo man auch an Tischen sitzen kann. Wir holen uns ein paar Säfte, um sie gleich zu trinken … Papa ein Bier, das er – versteckt in einer braunen Papiertüte – genießt. Nach der Erfrischung laufen wir noch so lange, bis wir nicht mehr können. In der Polk St. am Russian Hill nehmen wir dann ein Taxi zum Hotel. Vorher kaufen wir im zweiten Laden der Real Food Company, der zufällig auf unserem Nachhauseweg liegt (2140 Polk St.), noch 4 Sandwiches zum Abendbrot auf unserem Zimmer.

Zur Abbildung ganz oben: Der schicke Feinkostladen Valentino liegt an der Ecke Filbert/Buchanan St.

Veröffentlicht in Reisen Getagged mit: , , , , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.