Kein Badewetter in Venedig

Eine Woche Venedig liegt vor uns. Der Anlass ist ein Geschäftstreffen von Papa am gestrigen Freitag. Und weil wir kommende Woche in Berlin Schulferien haben, folgt heute der Rest der Familie via Schönefeld. Die Flüge von EasyJet sind unfassbar günstig: 26,99 One-way inkl. Steuern/Gebühren pro Nase – das ist billiger als die 4-Personen-Fahrt vom Flughafen San Marco zum Hotel.

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Papa holt uns mit einem Wassertaxi ab. Es ist die schnellste Methode, um vom Flughafen nach Venedig zu kommen: Mit dem Motorboot durch die Lagune direkt bis vor das Hotel. Zuvor erklärt er uns an einer Karte im Flughafen, was dieses Venedig eigentlich ist.

Venedig, die Hauptstadt der Region Veneto, ist eine Stadt mitten im Wasser, gebaut auf vielen kleinen Inseln. Sie liegt in einer Lagune an der italienischen Ostküste (Adria). Eine Lagune (vom lat. lacuna = Weiher, Lache) ist ein seichtes Gewässer, das durch Sandablagerungen vom Meer abgetrennt ist; an der Ostsee nennt man das Haff oder Bodden. Von oben betrachtet hat Venedig die Form eines Fischs, wie man in dem Satellitenbild unten sehen kann (weißer Pfeil; Quelle: Wikipedia). Oberhalb von Venedig, auf dem Festland, ist auch der Flughafen Marco Polo gut zu erkennen (gelber Pfeil). Die Bootsfahrt von dort bis zum Hotel dauert 25 Minuten. Die Lagune ist insgesamt 40 km lang und 15 km breit. In ihr fließt das Süßwasser der Bergflüsse mit dem Salzwasser des Meeres zusammen.

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Der Legende nach wurde Venedig um 500 n. Chr. gegründet. Die ersten Siedler waren Fischer und Küstenschiffer, die in Hütten lebten. Später folgten Kaufleute mit exotischen Waren. Bis ins 13. Jh. wurden, außer den Kirchen, alle Gebäude aus Holz gebaut, die im Sommers brandgefährdet waren. Um mehr Feuersicherheit zu erreichen, erfanden die Venezianer für den sumpfigen Untergrund eine spezielle Bautechnik um Steinhäuser errichten zu können. Sie rammten bis zu 20 m lange Eichen- oder Lärchenbaumstämme eng nebeneinander in den Schlamm, bis diese auf den festen, steinigen Boden der Lagune aufsetzten. Im tiefen Salzwasser, wo es keinen Sauerstoff und keine Fäulnisbakterien gibt, wurden diese Pfähle im Laufe der Jahre hart wie Stahl. Auf diesem »Holzteppich« nagelten die Baumeister horizontale Planken aus Walnussholz, die sie mit Sand und Teer verklebten. Darauf wurde schließlich, etwa in Höhe des Wasserspiegels, das Fundament der Häuser aus Ziegeln oder Marmor gemauert.

Fast 20.000 Gebäude in Venedig stehen auf dieser Art Untergrund. Der Verbrauch an Holzstämmen war ungeheuer, ganze Wälder in den venetianischen Alpen wurden hierfür abgeholzt und auf Flößen in die Lagune gebracht. Alleine die Basilica della Salute, schätzen die Experten, steht auf über 1 Million Stämme. Jede Seite der Rialto-Brücke wird von rund 6.000 Stämmen getragen.

Venedig hat rund 270.000 Einwohner, im historischen Teil (dem Fisch) leben 64.000 Menschen. Die Altstadt ist nicht in Stadtviertel eingeteilt, sondern seit dem 12. Jh. in »Stadtsechstel«, die auf italienisch Sestieri heißen. Sie nennen sich San Marco, Castello, Cannaregio, Santa Croce, San Polo und Dorsoduro, zu dem auch die beiden Inseln Giudecca und San Giorgio gehören. Auf dem Foto unten (Quelle: Wikipedia) sind sie, im Süden liegend, gut zu erkennen. Ebenfalls gut zu erkennen der Canal Grande, der sich wie ein spiegelverkehrtes S durch die Altstadt schlängelt.

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Unser Taxi erreicht die Stadt auf der Nordseite und durchquert sie einmal über den Rio di Santa Giustina (weißer Pfeil), um unser Hotel am Canal di San Marco anzusteuern (gelber Pfeil). Es heißt »La Corte dei Dogi« und ist ein gerade renoviertes Zweitgebäude des Hotels »A Tribute to Music«, 300 m westlich gelegen. Die Adresse lautet: Castello, 2138, Venezia. Castello ist der Stadtteil (Sestiere), 2138 die Hausnummer. Mehr Angaben braucht man nicht, um das Hotel mit Google Earth zu finden. Der Grund: Die Häuser innerhalb eines Sestiere sind fortlaufend nummeriert, so das jedes eine eigene, unverwechselbare Nummer trägt. Dieses System hat Napoleon eingeführt.

Trotzdem gibt es natürlich Straßennamen, wobei eine Straße in Venedig prinzipiell eine Fußgängerzone ist: in der ganzen Stadt gibt es kein Auto. Der Lieferverkehr wie auch der Personennahverkehr finden mit Booten auf den Kanälen statt. Ein solcher innerstädtischer Kanal heißt im Italienischen Rio. Unser Hotel liegt an der Riva dei Sei Martiri. Eine Riva ist eine Uferstraße. Die meisten Straßen heißen Calle (Plural: Calli). Es gibt in ganz Venedig nur eine Strada (Strada Nova) und zwei Vie: die Via 22 Marzo und die Via Garibaldi, direkt hinter unserem Hotel. Die besteht tatsächlich aus einem Fahrstreifen mit je einem Bürgersteig links und rechts. Sehr häufig läuft man noch durch Sotoportege, das sind schmale Durchgänge, die teils sogar unter Häusern hindurchführen.

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Während unserer Taxiboot vom Flughafen in die Stadt durchfahren wir den Rio di San Agostin

Weil zur Zeit in Venedig keine Saison ist und die Gästezahl niedrig, bietet uns die Hotelleitung – ohne Aufpreis – die Unterbringung in ihrer Suite an. Und so wohnen wir wie in einer Wohnung, mit zwei Schlafzimmern (davon eines für Greta und mich), und einem Wohnbereich mit Sofas und Sesseln. Sogar der Frühstücksraum sieht wie eine große Wohnküche aus. Wenn wir auf einen der beiden Minibalkons treten, blicken wir über den Canale di San Marco, wo ständig Schiffsverkehr herrscht, auf die Insel San Giorgio. Neben den Wassertaxen und den Wasserbussen (Vaporetti) fahren bisweilen auch riesige Kreuzfahrtschiffe an unserem Fenster vorbei, meist unter griechischer Flagge. Papa sagt, dass diese Art des Tourismus nicht gesund für den Fremdenverkehr sei. »80 % der 13 Millionen Touristen Venedigs verbringen weniger als 8 Stunden in der Stadt.« steht in unserem Reiseführer. Sie besichtigen ausschließlich die Piazza San Marco und geben im Durchschnitt 15 € aus. Tagesgäste von den Kreuzfahrtschiffen besuchen nicht mal ein Restaurant.

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Das rote Haus ist unser Hotel. Wir wohnen in der 2. Etage mit Blick auf den Canale di San Marco

Nachdem wir uns im Hotel eingerichtet haben, unternehmen wir unsere erste Orientierungstour. Sie führt natürlich zum Markusplatz, der nur 15 Minuten entfernt liegt. Doch zuvor stoßen wir per Zufall auf die Kirche San Giovanni in Bragora. Es ist eine der ältesten Kirchen Venedigs, gegründet im 8. Jh., und eine von 111 Kirchen insgesamt in der Stadt. Ihre spätgotische Gestalt erhielt die Kirche Ende des 15. Jh. Gleich am Eingang begegnen wir dem Hinweis, dass hier der Komponist Antonio Vivaldi getauft wurde. Im dreischiffigen Inneren bewundern wir venezianische Malereien der Hochrenaissance. Ein Merkblatt lenkt unsere Aufmerksamkeit auf drei Werke von Giambattista Cimo de Conegliano, Bartolomeo Vivarini und des Tizianschülers Paris Bordone.

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Auf dem Campo Bandiera e Moro, unweit von unserem Hotel, im Hintergrund die Kirche San Giovanni in Bragora

Wir gehen weiter Richtung Markusplatz, wobei sich unser Marschtempo nach und nach verlangsamt: Greta kann nicht mehr. Die Sehenswürdigkeiten schweben unbeachtet an ihr vorbei: »Ich bin müde. Ich will ins Bett« jammert sie, um 16:00 Uhr. Wir retten uns in die kleine Bar Lucano (San Marco, 480 = Sestiere, Hausnummer). Dort gibt es für Greta ein leckeres Panino Piccolo mit Salami zur Stärkung. Ich esse ein Tramezzino, das ist ein im Dreieck geschnittenes Klappweißbrot ohne Rinde, belegt mit Käse, Schinken und/oder anderen Köstlichkeiten. Mama tinkt einen leckeren Rotwein, Papa ein Moretti-Bier. Greta stärkt sich mit einem weiteren Panino, insgesamt als zwei Panine.

Danach machen wir uns langsam wieder auf den Weg zurück ins Hotel. An der Uferpromenade laufen wir durch einen Rummelplatz mit komischen Karussells und Buden. An einer soll man mit bunten Tischtennisbällen auf kleine Goldfischgläser werfen, wobei die Bälle durch eine enge Öffnung auf der Wasseroberfläche landen müssen. Als Gewinn winken der Fisch und ein Plastikaquarium. Ich habe Mitleid mit den armen Tieren. Tatsächlich findet sich eine Familie, die dieses Spiel mitmacht.

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Ich bin entsetzt: an diesem Rummeplatzstand kann man lebende Goldfische gewinnen, zusammen nit einem Plastikaquarium

Auf dem weiteren Weg überqueren wir noch einige Brücken. Es ist inzwischen dunkel geworden. Fenster und Restaurants erstrahlen in verschiedenen Farben, manche der romantischen Brücken sind beleuchtet. Mir gefällt Venedig. Nur schade, dass es im Moment genau so kalt hier ist wie in Berlin.

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Romantisch: Kanal und Brücke in der Abenddämmerung

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