Viel Wasser in der Luft

Wenn man auf dem Canal Grande am Palazzo Grassi vorbeifährt, begegnet man dort der lebensgroßen Bronzefigur »Autoritratto« von Alighiero Boetti, die sich aus einem Gartenschlauch Wasser auf der beheizten Kopf sprüht, das sofort verdampft. Er gehört zur Ausstellung Italics, die heute nicht auf unserem Programm steht. Aber das Ghetto, die Kirche Santo Stefano und die Accademia.

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Nach dem Frühstück besorgen wir uns am nächsten Bootsanleger (»Arsenale«) 4 Dreitagekarten für das wichtigste Nahverkehrsmittel in Venedig, das Vaporetto. Der einst dampfgetriebene Wasserbus und das schnellere Motoscafa sind vor allem im Stadtgebiet unterwegs. Die meist befahrene Vaporetto-Linie ist die 1 durch den Canal Grande.

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Die erste Sehenswürdigkeit, wie wir mit unserem Vaporetto passieren, ist die barocke Kuppelkirche Santa Maria della Salute an der Mündung des Canal Grande in die Lagune. Sie wurde zum Dank für die Erlösung der Stadt von der Pest im Jahr 1630 errichtet. Damals starben 40.000 Menschen, fast ein Drittel der Bevölkerung.

Es ist kalt heute, nieselig und dazu weht ein scharfer Wind. Trotzdem stellen wir uns draußen auf die Plattform, um die erste Fahrt auf dem Canal Grande ungetrübt zu genießen. Erst nach 20 Minuten begeben wir uns in den beheizten Passagierraum mit den beschlagenen Fenstern. Unser Ziel ist der Stadtteil Cannaregio, wir wollen in das älteste Ghetto der Welt.

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Vorher bewundern wir die Paläste im Canal, der insgesamt 4 Kilometer lang ist, zwischen 30 und 70 Meter breit und rund 5 Meter tief ist. Nur drei Brücken überspannen die Hauptverkehrsader Venedigs: die Ponte Accademia, die Rialtobrücke und die Ponte Scalzi (Barfüßerbrücke). Über 200 prächtige Paläste, 15 Kirchen und viele noble Wohnhäuser säumen die Ufer des Kanals. Sie spiegeln 800 Jahre Architekturgeschichte wider und vermitteln ein anschauliches Bild vom einstigen Glanz der Seerepublik.

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Je mehr man sich der Rialtobrücke im historischen Zentrum nähert, um so dichter die Gondelreihen am Ufer und um so lebendiger der Wasserverkehr. Die Ponte Rialto gehört zu den bedeutenden Wahrzeichen Venedigs. Lange Zeit war sie die einzige Brücke über dem Kanal. Bevor sie Ende des 16. Jh. aus Stein gebaut wurde, war es eine Holzbrücke. Ihre Spannweite beträgt 48 Meter. Sie ist rund 30 Meter breit und hat drei Fußweg, die von zwei umbauten Ladenreihen getrennt sind.

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Einige Anlegestellen weiter kommt die Station »San Marcuolo« im Sestiere Cannaregio, nicht weit vom Bahnhof Santa Lucia entfernt. Wir steigen aus, um das älteste Ghetto der Welt zu besichtigen. Der Begriff selbst wurde hier von den Venezianern erfunden: Auf dem Gelände befand sich Anfang des 16. Jh. eine Kanonengießerei, und der Guss heißt im Italienischen »il getto«.

Als sich um 1515 die antijüdische Stimmung verstärkte, siedelte die venezianische Regierung die rund 700 Juden in einen eigenen Stadtteil um, der von allen Seiten von Wasser umgeben war. Tagsüber durften sich die Juden in der Stadt frei bewegen, bei Sonnenuntergang mussten sie sich in ihre Mietshäuser im Ghetto zurückziehen. Nachts wurde es verschlossen und bewacht. Im Ghetto lebten die Juden ihr eigenes Leben.

Äußerlich unterscheidet sich die kleine Siedlung heute kaum von anderen Vierteln. Dennoch hat sich eine besondere Atmosphäre bewahrt. Wir betreten das Alte Ghetto vom Fondamenta die Cannaregio aus über eine niedriges Sottoportego neben dem koscheren Restaurant »Gam-Gam«. Die enge Gasse führt zum Campiello delle Scuole, an dem zwei Synagogen liegen, die man nur nach Voranmeldung besichtigen kann. Unser Reiseführer schreibt, dass die Scuola Levantina die prachtvollste Synagoge Venedigs sei, mit einem reich geschnitzten Lesepult (Tewa) auf spiralförmigen Säulen von Andrea Brustolon aus Belluno.

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Über eine schmale Brücke gelangen wir ins Neue Ghetto und seinem Zentrum, den Campo di Ghetto Nuovo. Schmale hohe Gebäude säumen den Platz. Das Gebiet entstand um 1630, als das alte Ghetto nicht mehr genügend Lebensraum bot. Im 17. Jh. lebten schließlich 5000 Juden in dem Viertel, so dass die Bewohner ihre Häuser auf 7 bis 8 Stockwerke aufstockten. Die Bevölkerung nannte sie »Wolkenkratzer«.

Wir bleiben nicht lange im Ghetto, weil der Nieselregen und ein scharfer, kalter Wind an unserer Geduld zehren. So fällt der Entschluss leicht, ein Museum aufzusuchen. Wir entscheiden uns für die Gallerie del’Accademia, deren Namen die Venezianer »Accadēmia« aussprechen.

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Die Gemäldegalerie der Kunstakademie besitzt die weltweit bedeutendste Sammlung venezianischer Malerei von der Gotik bis zum Rokoko. Das Museum ist in drei verbundenen Räumen untergebracht: dem Konvent, der Kirche Santa Maria della Carità und der gleichnamigen Scula. Auf den Rückseiten unserer Eintrittskarten befinden sich jeweils ein Ausschnitt von einem Kunstwerk. Wir Kinder stellen uns die Aufgabe, in den kommenden 2 Stunden die Originale dazu zu finden.

Das Gemälde auf meiner Karte (oben rechts) entdecken wir gleich im Saal 3: Giovanni Bellinis »Madonna in trono col Bambino e santi, detta Pala di San Giobbe«. Als nächstes finden wir das Portrait auf Mamas Karte, den weißhaarigen »Giovinetto« von Rosalba Carriera. Danach stoßen wir im Saal 13 auf das Bellini-Gemälde, dem der Ausschnitt für Paps Karte entnommen ist: »Madonna col Bambino«. Erst kurz vor dem Ende unseres Rundgangs löst sich das Rätsel von Gretas Karte: Sie zeigt die rechte Hälfte des großen Gemäldes von Vittore Carpaccio »Incontro e partenza dei fidanzati«.

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Die Galleria dell’Accademia di belle arti wurde um 1800 von Kunstliebhabern eingerichtet, als eine Art Sammelstelle für »heimatlose« Bilder. Diese fanden sich, als im Zuge der Aufklärung Klöster und Kirchen aufgehoben (säkularisiert) wurden und Paläste geräumt. In kürzester Zeit entstand so eine Sammlung, die 500 Jahre venezianische Malerei darstellt und heute 24 Räume füllt.

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Zu dem hier abgebildeten »Gastmahl im Hause des Levi« entnahmen wir dem Museumsführer eine spannende Geschichte. Das Gemälde schmückt die gesamte Schmalseite des Saal 10 (5,6 m hoch, 13 m breit), der extra erweitert wurde; die Menschen sind nahezu lebensgroß gemalt. Das Bild wurde 1573 unter dem Titel »Abendmahl« von Paolo Veronese angefertigt, im Auftrag für das Refektorium der Dominikanerkirche Santi Giovanni e Paolo (wir besuchen sie morgen).

Drei Monate nach der Fertigstellung wurde der Künstler wegen des Verdachts auf Gotteslästerung vor das heilige Offizium zitiert. Seine Darstellung des Abendmahl sei allzu freizügig ausgefallen, denn in dem Gemälde sind ein Narr mit Papagei, zwei Hunde und deutsche Landsknechte dargestellt. Dass sich Paolo Veronese auf die künstlerische Freiheit berief half nicht viel: Er bekam die Auflage, sein Werk binnen dreier Monate auf eigene Kosten zu ändern. Gemeinsam mit seinen Auftraggebern dachte er sich einen Trick aus: Sie änderten einfach den Titel in »Gastmahl im Hause des Levi« um, mit einem Verweis auf das 5. Kapitel des Lukas-Evangeliums. Ein Gastmal wurde von der Kirche weniger streng beurteilt als das Abendmahl.

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Nur wenige Gehminuten von der Accademia entfernt, am oberen Ende des von Bars und Cafés gesäumten Campo S. Stefano, liegt die Augustiner-Backsteinkirche Santo Stefano, die wir am Nachmittag besuchen. Beim Blick nach oben fällt sofort die kassettierte Holzdecke ins Auge, die in der Form eines umgedrehten Schiffsrumpfs gefertigt ist. Im Mittelschiff befindet sich das ausführlich beschriftete Grab des Dogen Francesco Morosoni. Er regierte von 1688 bis 1694 auf dem Höhepunkt des Großen türkischen Krieges. Morosoni wurde dafür bekannt, dass er die griechische Halbinsel Peloponnes für Venedig zurückeroberte und dabei am 26. September 1687 durch einen Kanonenschuss den Parthenon auf der Akropolis zerstörte, weil dort das türkische Pulvermagazin untergebracht war.

Wir kaufen eine Extrakarte für die Sakristei der Kirche, wo drei besondere Gemälde von Tintoretto untergebracht sind (»Abendmahl«, »Fußwaschung« und »Christus auf dem Ölberg«) sowie von Bartolomeo Vivarini »Der heilige Nikolaus von Bari«. Greta will genau wissen, was es mit der Fußwaschung auf sich hat. Wir erläutern es ihr später im Hotel unter Zuhilfenahme von Wikipedia: »Die Fußwaschung ist eine Handlung im Orient, die Gastfreundschaft symbolisieren soll und in der Bibel erwähnt wird. Nachdem Jesus von Nazaret mit seinen Jüngern am Vorabend seines Kreuzestodes das letzte Abendmahl (heute gefeiert am Gründonnerstag) gehalten hatte, wusch er ihnen laut Johannes-Evangelium nacheinander die Füße und trocknete sie mit dem Tuch, das ihn umgürtete. Durch dieses Beispiel wollte er zeigen, dass auch sie untereinander zum Dienen bereit sein müssen.«

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Langsam geht ein regnerischer Tag in Venedig zu Ende. Trotzdem lassen sich viele Besucher nicht von den Attraktionen abhalten, für die Venedig bekannt ist, zum Beispiel das Gondelfahren. Auf dem Rückweg zum Hotel beobachten wir immer wieder Touristengruppen mit Schirmen zu Land und zu Wasser.

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