Sonne und moderne Kunst

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Heute ist ein schöner Tag, der erste Sonnentag seit unserer Ankunft. Wir wollen die Ausstellung »Italics« im Palazzo Grassi besuchen. Und zwischendurch ganz viel laufen.

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Entgegen aller Wettervorhersagen begrüßt uns der Tag mit einem blauen Himmel und Federwolken. Auch die Temperaturen sind angenehm. Wir entschließen uns zu einem ausgedehnten Morgenspaziergang in Richtung Palazzo Grassi. Weil der Rummelplatz an der Uferpromenade vor unserem Hotel abgebaut ist, macht das Laufen auf dem breiten Weg noch mehr Spaß.

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Die Gondeln im Canal Grande sehen prächtiger aus, wenn das Sonnenlicht auf ihren schwarzen Lack fällt. Seit dem 11. Jahrhundert gehört die Gondel zum Stadtbild Venedigs. Ihr schlanker Bootskörper sorgt für die Manövrierfähigkeit in den seichten, kurvenreichen Kanälen. Ursprünglich bunt bemalt tragen die Gondeln seit 1562 infolge eines Gesetzes gegen Protzerei einheitlich Schwarz. Bei besonderen Anlässen werden sie mit Blumen geschmückt.

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Straßen in Venedig können unglaublich schmal sein, manchmal weniger als 1 Meter breit. Diese hier, Calle Gritti, ist eine regelrechte Schlucht und trotzdem ein wichtiger verkehrsweg, denn sie führt zum Canal Grande, direkt an eine Vaporetto-Haltestelle. Die Sonne weist uns den Weg.

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Dieses Plakat des 60-jährigen Schauspieler und Komikers Giuseppe Piero Grillo, besser bekannt als Beppe Grillo, begegnet uns an vielen Ecken … wieder mal ein Goldfisch, dem eine Quälerei droht (siehe auch Tag 1). Grillo wurde in den letzten Jahren zum erfolgreichsten Blogger in Italien. Er wird auch als der Michael Moore Genuas bezeichnet. Seine berühmteste Protestinitiative ist der Leck-mich-am-Arsch-Tag (Vaffanculo Day). »Delirio« heißt das aktuelle Bühnenprogramm von Beppe Grillo.

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Wir fahren zwei Stationen mit dem Vapretto, um gegenüber des Palazzo Grassi auszusteigen. Um von einem Ufer zum anderen zu kommen, gibt es die geniale Einrichtung des Traghetto, das ist eine Gondelfähre, in der Venezianer und Touristen im Stehen rasch auf die jeweils andere Seite des Canal befördert werden. Eine solche Tour kostet nur 0,50 € pro Person. Also lassen wir uns bei San Samuele übersetzen.

Der Palazzo Grassi (auf dem Foto oben im Hintergrund zu sehen) gehört seit 2006 dem 72-jährigen französischen Unternehmer François Pinault, der ihn für 29 Millionen Euro erworben hat und dort seine Kunstsammlung und Wechselausstellungen zeigt. Der Palast wurde vom Boden bis zum Dach komplett renoviert und innen mit einer kühlen, maßvollen Gestaltung versehen. Pinault engagierte dafür den japanischen Stararchitekten Tadao Ando (mehr dazu bei faz.net).

Zu den Auflagen des Kaufs gehörte, dass eine von zwei Ausstellungen im Jahr auf kunst- oder kulturhistorische Themen ausgerichtet sein muss. Und so widmet sich die 5. Ausstellung in der Ära Pinault unter dem Titel »Italics« der zeitgenössischen italienischen Kunst: 250 Werke von 105 Künstlern.

Was einst der Hof des Palastes war, ist jetzt eine überdachte zentrale Halle. Auf deren Marmorboden versucht der international bekannte Maurizio Cattelan mit einer schwergewichtigen Installation zu provozieren: Unter Leichentüchern begraben sind neun vermeintlich Tote aneinandergereiht (Abbildung ganz oben). Doch das Skulpturen-Ensemble ist aus Marmor, das heißt Tücher sind nicht aus Tuch und darunter befinden sich auch keine Körper. Uns Kinder lassen die steinernen Falten kalt, Mama und Papa erkennen eine Anspielung auf Massenmord und Katastrophen.

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Ganz und gar nicht kalt lässt uns jedoch ein weiteres Kunstwerk von Cattelan, zwei Stockwerke weiter höher. Wir sehen, fast verloren in einem großen Saal, eine Art Puppenstube mit Waschbecken, Boiler, einem Tisch und zwei Stühlen. Auf dem einen sitzt ein totes Eichhörnchen wie ein Mensch, den Kopf auf dem Tisch liegend, zu seinen »Füßen« eine kleine Pistole. Es soll so aussehen, als habe sich das Hörnchen erschossen. Die Installation heißt Bidibidobidiboo. Im Ausstellungskatalog steht, dass es sich um ein surreales Selbstportrait des Künstlers handeln soll. Es würde die melancholische Seite seiner Kunst widerspiegeln. Aha …

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In diesem Saal begrüßt eine sechsbeinige Spinne, die ais überdimensionalen Pfeifenreinigern gebaut zu sein scheint. An der Wand das die Collage »I funerali di Togliatti« (1972): Der kommunistische Maler Renato Guttuso verewigt das Begräbnis des ehemaligen Generalsekretärs der Kommunistischen Partei Italiens, Palmiro Togliatti.

Eigentlich darf man im Palazzo Grassi nicht fotografieren. Wir wagen es trotzdem, aus der Hüfte … Doch die Aufseher dort sind sehr aufmerksam. Sie haben auch nicht viel zu tun, denn es befinden sich nur wenige Besucher im Palast. Nach einer Stunde sind wir hungrig. Es ist auch Mittagszeit. Wir essen in der Museumsbar. Von dort aus hat man einen schönen Blick auf den Canal und das Selbstportrait von Alighiero Boetti (siehe auch Tag 3). Letzte Station im Palazzo ist der Museumsshop.

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Draußen steigen wir in ein Vaporetto, dass uns zum Hotel zurückbringt. Dort ruhen wir uns eine Stunde aus.

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Am Nachmittag unternehmen wir noch mal eine ausgedehnten Wanderung durch San Marco. Die Abendsonne scheint auf einmal golden in die Lagune. Nur die Häuser sind erleuchtet und die Spitze des Markusdoms. Auf diesem Bild sieht man sehr gut das berühmte Ferro der venezianischen Gondel. Die 6 Zacken des Kamms stehen für die Stadtteile Venedigs, der eine entgegengesetzte Stachel für die Insel La Giudecca die sich im Süden an die Stadt schmiegt.

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Ab 18:00 beginnt ein reges Treiben in den Straßen. Die Menschen kaufen ein oder kommen von der Arbeit. Viele treffen sich zu einem 10-Minuten-Plausch in den Bars. Wirs sind schon bald wieder im Rialto-Viertel, das viel näher an unserem Hotel liegt als wir dachten.

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Unsere letzte Station ist ein kurioses Antiquariat, die Libreria Alta Acqua (Hochwasser-Bücherei). Betritt man sie von der Straßenseite aus, sieht sie wie ein normaler Buchladen aus. Dann bittet uns der Inhaber einen Blick in den hinteren Raum zu werfen. Dieser grenzt zur Kanalseite, wo auch das Tor offen steht. Von dort dringt gelegentlich Hochwasser in den Ladenraum. Der Buchsammler hat aus der Not eine Tugend gemacht: Die Hälfte der Bücher lagert in wasserfesten Behältnissen, zum Beispiel Badewannen und alten Booten. Die andere Hälfte in meterhohen Regalen an der Wand. So kam das Antiquariat zu seinem unvergesslichen Namen.

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