Zu Gast bei Peggy Guggenheim

Sie war eine von drei Töchtern des New Yorker Geschäftsmanns Benjamin Guggenheim und dessen Frau Florette Seligman. Ihr Vater kam 1912 beim Untergang der Titanic ums Leben. Ihr Onkel war der Industrielle und Kunstsammler Solomon R. Guggenheim. Sie war von 1941 bis 1946 mit Max Ernst verheiratet, sie entdeckte Jackson Pollock und war mit vielen anderen Künstlern befreundet. Venedig war ihre Wahlheimat: Peggy Guggenheim.

ven78

Eigentlich hieß sie Marguerite Guggenheim, 1898 geboren und aufgewachsen in einem noblen Viertel New Yorks als Nachbarin der Rockefellers, leidenschaftliche Kunstsammlerin, großzügige Mäzenin und Galeristin. Nach rastlosen Jahren zwischen New York, London und Paris hat sie 1949 in Venedig den Palazzo non finito gekauft, den unfertigen Palast. Das weiße Gebäude am Canal Grande besteht, anders als all die stolz in den blauen Himmel ragenden Palazzi ringsherum, nur aus einem Erdgeschoss. Der Bau blieb Torso, warum, weiß man heute nicht genau. Sie schmückte seine Wände mit Gemälden und funktionierte sein Dach zur Sonnenterasse um. Ihre 200 Kunstwerke umfassende Sammlung ist heute in dem Palast untergebracht und unser Ziel.

ven77

Ein Wort zum Frühstück: Es ist eine Quälerei. Dabei gibt sich die Haushälterin Helena wirklich Mühe. Doch das Frühstücken hat in Italien keine Tradition. Unseres besteht aus:

  • viel zu wenig Butter (4 x 10 g Stückchen) und
  • viel zu wenig Brötchen (6 Hühnerei-große Milchwecken)

Dafür gibt es

  • Croissants in allen möglichen Ausprägungen
  • mehlige Kekse, die nach nichts schmecken
  • verpackte Kekse und Zwieback
  • rot gefärbten, künstlich schmeckenden Orangensaft
  • Espresso aus der Pads
  • Obst aus der Dose
  • Marmelde in Portionspackungen
  • Schmelzkäse-Dreiecke von Kraft, Marke »Susanna«

Echt gut sind die Mortadella, die Joghurts und die frisch aufgebackenen Mini-Schoko-Croissants.

ven76

Es ist neblig am Morgen. Seit gestern wissen wir, das dies ein gutes Zeichen ist: die Sonne wird bestimmt bald durchkommen. Wir fahren zwei Stationen mit dem Vaporettu und steigen an der barocken Kuppelkirche Santa Maria della Salute aus, die am westlichen Zipfel des Sestiere Dorsoduro liegt, an der Mündung des Canal Grande in die Lagune. Sie hat am frühen Morgen geschlossen, so dass wir sie nicht betreten können.
Kein Ersatz, aber eine angenehme Alternative ist das nette Caffè in der Calle Bastion. Hier gibt es die Trinkschokolade von Eraclea, wo man 32 Geschmacksrichtungen wählen kann. Wir Kinder entscheiden uns für Vanillecreme.

ven75

Inzwischen kommt auch die Sonne langsam heraus. Wir laufen die Kaistraße Fondamenta Zattere Spirito Santo entlang, die wunderbar hell erstrahlt. Greta fühlt sich sofort inspiriert und zeichnet eine Venedig-Impression (Bild ganz oben). Der Pfeiler, an dem sie auf dem Foto hier lehnt, ist übrigens nicht aus Holz, sondern aus recycelten Kunststoff. Das Foto entstand gegenüber einer Gondelwerkstatt, in die wir kurz hineingeschaut haben.

Wir nähern uns der Guggenheim-Galerie in einem großen Bogen und betreten sie durch den Hintereingang, ein Gittertor von Claire Falkenstein. In einem kleinen Park stoßen wir auf die ersten Kunstwerke. Darunter eine Skulptur von Marino Marini, die früher auf der Terasse mit Blick auf den Canal Grande gestanden haben soll: Ein Pferd mit Reiter, der verzückt die Arme in die Luft streckt … und nicht nur die. Die Legende sagt, dass er bronzene Penis mit Absicht separat gefertigt und abnehmbar befestigt wurde. Fuhren die Nonnen an Feiertagen in Booten am Palazzo vorbei, oder galten Besucher als besonders empfindlich, schraubte Peggy das Teil kurzerhand ab und versteckte es in der Schublade.

ven74

Ein jüngeres Werk aus dem Jahre 1989 ist von Dan Graham und heißt »Triangular Solid with Circular Inserts« (Dreieckiger Feststoff mit runden Öffnungen). Es besteht aus teilverspiegeltem Glas, so dass sich beim Durchschauen der kleine Garten zu ungewöhnlichen Kollagen verzerrt.

Wir gehen in das Gebäude, das sehr übersichtlich gegliedert ist, nämlich nach Kunstrichtungen. Die Collezione Peggy Guggenheim gibt einen leicht verständlichen Einblick die Klassische Moderne, mit dem Kubismus (Picasso, Leger, Braques, Schwitters), den abstrakte Künstlern (Kandinsky, Klee), Konstruktivisten (Mondrian) und den Surrealisten (Miró, Duchamp, Dalí, Magritte, Max Ernst).

ven73

Eines der beeindruckendsten Bilder der Sammlung ist Magrittes Empire of Light, das glaubhaft die Gleichzeitigkeit von Tag und Nacht darstellt. Besondere Beachtung verdienen auch die Gemälde von Jackson Pollock. Er ist bekannt für die von ihm mitbegründeten Stilrichtung des Action Painting. Seine im Tropfverfahren angefertigten großformatigen Werke brachten ihm den Spitznamen »Jack the Dripper« ein. Bereits 1943 schloss Peggy Guggenheim mit Pollock einen Vertrag und stellte seine Werke aus. Zu dieser Zeit sind sie noch deutlich surrealistisch orientiert und folgen der »Écriture automatique«, einer ihrer Absicht nach vom Willen abgelösten automatischen Malerei, mit der sich die innere Welt des Künstlers spiegeln soll.

ven72

Im 15. Jh. gewann Venedig überragende Bedeutung als Druckerstadt. 1469 richtete Johannes de Spira (aus Speyer) in der Lagunenstadt die erste Druckerei ein, wobei er das Druckverfahren mit der Gutenbergpresse einführte, also mit beweglichen Lettern druckte. Der bekannteste einheimische Drucker und Verleger wurde Aldus Manutius, der am Campo San Luca eine florierende Offizin unterhielt, woran heute eine Gedenktafel beim Seiteneingang der Sparkasse erinnert.

Manutius richtete seine Werkstatt er im Alter von etwa 40 Jahren ein. Seine Arbeit sollte die Welt der Bücher revolutionieren. In der nahe gelegenen Biblioteca Marciana stand die umfangreichste Sammlung an griechischen Manuskripten zur Verfügung (aus der Plünderung Konstantinopels im Jahr 1204). Mit einem Kreis begabter Typographen machte sich Manutius an die Veröffentlichung dieser Manuskripte. Ab etwa 1494 erschienen bei ihm die ersten Drucke der Welt in griechischen Lettern. Mit seinen Drucken griechischer und lateinischer Werke der Antike und humanistischer Autoren wie Pietro Bembo und Francesco Petrarca leistete Manutius einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung des Humanismus in Europa und zur Wiederentdeckung der Antike in der Renaissance.

Auch als Typograph hatte Manutius wesentlichen Einfluss auf die noch junge Kunst des Buchdruckes. Die in den damaligen Druckereien übliche gotische Schrift (die aus Handschriften abgeleitet war) ersetzte er durch neue, kunstvolle Lettern – die aldinischen Typen, heute Antiqua genannt. In der Ausgabe des Vergil von 1501 verwendete er erstmals die Kursivschrift, deren Erfindung dann sein Schriftschneider Francesco Griffo für sich reklamierte, nachdem dieser 1502 im Streit von Manutius geschieden und zu dessen Konkurrent Gershom (Girolamo) Soncino gewechselt war.

ven71

Am Abend des 6. Tages kommen wir endlich dazu, den Markusdom zu besichtigen. San Marco war die Palastkapelle des Dogen. Sie wurde erbaut als würdige Ruhestätte für die Gebeine des Apostels Markus, des Stadtheiligen Venedigs, der den heiligen Theodor als Stadtpatron ablöste. Die erste dem heiligen Markus geweihte Kirche wurde 828 gestiftet und in den Jahren 829 bis 832 erbaut. 976 fielen Kirche, Dogenpalast und 200 Häuser einer Feuersbrunst zum Opfer. Im selben Jahr begann der Doge Pietro I. Orseolo mit dem Wiederaufbau, der nach mehrmaligen Unterbrechungen erst 1094 beendet war.

ven70

Über 500 antike Säulen aus Marmor, Porphyr, Jaspis Serpentin und Alabaster zieren Fassade und Inneres. Der gesamte Innenraum von San Marco bildet einen Höhepunkt der Mosaikkunst des Abendlandes. Begonnen wurden die Arbeiten unter dem Dogen Domenico Selvo (1071–1084). In den späteren Jahrhunderten wurden die Arbeiten immer weiter entwickelt. Die Mosaizisten haben insgesamt eine Fläche von 4.240 m² bedeckt, eine der größten zusammenhängenden Mosaikflächen der Welt.

Veröffentlicht in Reisen Getagged mit: , , , , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.