Tag 3 gerettet: prächtiges Amalfi

Nachdem wir das diesige Wetter am Morgen vom Balkon aus ein paar Minuten beobachten, entschließen wir uns zu einem Ausflug nach Amalfi, der Namensgeberin der Costiera. Das Städtchen liegt 15 Kilometer entfernt von Positano. Ein Katzensprung, eigentlich. Aber auf der kurvenreichen Küstenstraße Amalfitana ist der Weg das Ziel. Wir nehmen uns Zeit.

Nach dem Durchfahren von Positano erreichen wir die legendäre Küstenstraße Amalfitana. Die 50 Kilometer lange Route bietet einen dauerhaft freien Blick auf die steil abfallende Küste und den Golf von Salerno. Sie verläuft etwa 100 Meter über dem Meeresspiegel. Die Fahrbahn ist teilweise in den Fels gearbeitet und meist sehr schmal. Oberhalb und unterhalb befinden sich Siedlungen, die nur zu Fuß, teilweise über Treppen, erreicht werden können. Von Amalfi ostwärts führt die Straße weiter vorbei an Atrani, Minori und Maiori nach Vietri sul Mare.

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Blick zurück in Freude: Nach 5 Kilometern machen wir einen ersten Halt, um einen Blick auf das zurückliegende Gelände zu genießen

Die erste Sehenswürdigkeit entdecken wir per Zufall von einer kleinen Brücke aus, den dramatischen Fjord von Furore. Wir staunen über die Häuser, die links an den Kalkfelswänden hängen und bewundern den Wildbach, der am Auslauf entsteht, weil das Meer mit Getöse in die Schlucht schießt. Von der Straße aus führen kleine Treppenwege in den Fjord hinein, über die man auf der anderen Seite die weiter oben liegenden Ortsteile erreichen kann.

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Der Fjord von Furore, ein fesselnde Schlucht mit wildem Naturhafen

Der landschaftliche Einschnitt bildet einen natürlichen Hafen, und so diente der Fjord seit dem frühen Mittelalter als Umschlagsplatz für Waren aller Art. Dabei trieb das Wasser des Flusses Schiato die Papier- und Getreidemühlen an. Ende der 1940er Jahre bot der Furore-Fjord die wildromantische Kulisse für zahlreiche italienische Filme. So drehte Roberto Rossellini hier mit Anna Magnani einen Teil des Episodenfilms »L’Amore« (1948, 78 min).

Der Film setzt sich aus zwei Teilen zusammen, »Una Voce Umana« (»Die menschliche Stimme«) und »Il Miracolo« (»Das Wunder«). Die erste Episode ist ein Monodrama, ein 33-minütiger Telefon-Monolog, in dem eine niedergeschlagene Frau (Anna Magnani) ein letztes Mal mit ihrem Geliebten spricht, der sie verlassen will. Der zweite Teil (42 min) spielt an der amalfitanischen Küste und handelt von einer Hirtin die glaubt, in einem Vagabunden den Heiligen Josef zu erkennen. Der Fremde verwirrt sie mit seinem Schweigen, macht sie mit Wein betrunken und verbringt eine Nacht mit ihr.

Hier der Vorspann und die ersten 3 Minuten von »Il Miracolo«; man kann auch den ganzen Film auf Youtube ansehen (5 Teile, italienisch):

Auch im weiteren Verlauf zeigt sich uns die Costiera Amalfitana von ihrer schönsten Seite: umgeben von Zitronen- und Weinterrassen schmiegen sich verstreut liegende Häuser an die Berghänge. In der Ferne sehen wir bereits das Häusermeer von Amalfi. Noch wenige enge Kurven, und wir sind da.

Geht es nach unserem Reiseführer, so ist Amalfi in wenigen Worten beschrieben: »Zwei Plätze und eine Hauptstraße, ein Auf und Ab von Treppen, die die übereinandergestapelten weißen Häuser, sieben Kirchen, den prächtigen Dom und den Hafen miteinander verbinden, und durchs Häusergewirr bohrt sich die Rua Nova Mercantorum, ein mittelalterlicher Gassentunnel.« Die Beschreibung ist präzise, aber ohne Bilder wenig wert. Wir holen sie uns.

Die aufgezählten Besonderheiten der Stadt drängeln sich zwischen dem Meer und dem Tal der Mühlen, das wir – nach einem warmen Getränk im Café Royal – ansteuern. Das Tal heißt Valle dei Mulini (Tal der Mühlen) und führt wie ein schmaler Trichter die Felsküste hinauf. Heute leben in Amalfi rund 6000 Menschen, im Mittelalter sollen es über 50.000 gewesen sein. Damals gehörte die Stadt zu den vier großen Seerepubliken, mit Pisa, Genua und Venedig. Über den Hafen von Amalfi wurde der Warenverkehr zwischen Asien und Europa abgewickelt.

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Kurzer Fotostop auf dem Domplatz von Amalfi: oberhalb der breiten, steilen Treppe erhebt sich der Dom mit seinem schwarz-weißen Marmordekor und den bunt schillernden Giebelmosaiken

Mitte des 14. Jahrhunderts versanken große Teile der Stadt bei einer Sturmflut im Meer. In den darauffolgenden Jahrzehnten verlor Amalfi an Bedeutung und geriet als Handelsstadt ins Abseits. Die Menschen lebten vom Fischfang, der Goldschmiedekunst und vor allem von der Papierherstellung, die man von den Arabern importiert hatte. Bis zu 16 Papiermühlen standen in der Blütezeit an den reißenden Bergbächen des Valle dei Mulini. Ihre Erzeugnisse wurden wegen ihrer Langlebigkeit vor allem von Künstlern geschätzt. Eine der Mühlen ist heute ein Papiermuseum, das wir besuchen.

Papiermühle in Amalfi

Blick in die historische Papiermühle des Museo della Carta, im Vordergrund ein Lumpen-Schredder, mit dem Fasern zum Beimischen hergestellt wurden

Die Eingangshalle des Museo della Carta (Papiermuseum) steht auf den Werkstätten einer mittelalterlichen Papiermühle, die noch bis 1969 von Liebhabern betrieben wurde. Danach verfiel sie, und zuletzt wurde sie als Museum teilweise wieder aufgebaut. Unser Führer ist ein Italiener, der uns in gebrochenem Deutsch die Stufen der Papierherstellung erläutert, vom Maischen über das Schöpfen bis zum Trocknen. Wir dürfen sogar selbst aus einem großen Kessel Papier schöpfen. Am Ende der Führung kaufen wir uns noch Büttenpapier für den heimischen Tintenstrahldrucker. Die Kindern bekommen – noch feuchtes – Büttenpapier geschenkt.

Papierschöpfen in Amalfi
Selbst geschöpftes Papier im Sieb 

Jetzt haben wir aber richtig Hunger. Es ist auch Zeit zum Mittagessen. Marie hat morgens im Reiseführer eine Empfehlung gelesen, an die wir uns erinnern, als wir durch die steilen Treppengässchen schleichen. Die Pizzeria »Il Teatro« sei sehr zu empfehlen, nicht nur wegen des Essens, sondern weil der Hausherr gerne Schauspieleinlagen darbietet. Von diesen haben wir zwar nichts gesehen, er schien am Mittag noch keinen Dienst zu haben, aber das Essen ist wirklich vorzüglich. Wir können dem Koch in der offenen Küche zuschauen, wie er unentwegt Speisen für neue Gäste zubereitet.

Pizzeria Il Teatro, Amalfi

Lecker Pizza im Il Teatro: Wir bestellten die Sorten Prosciutto (Greta), Prosciutto e Funghi (Jürgen), Parma (Marie) und Amalfitana (Judith)

Nun sind wir gestärkt für das bauliche und touristische Zentrum Amalfis, den Dom. Am Ende der großen Freitreppe überragt er den Vorplatz aus dem 18. Jahrhundert mit dem Brunnen und der Figur des heiligen Andreas, dem der Dom geweiht ist. Der daher auch Cattedrale di Sant’Andrea genannte Bau wurde 987 auf Wunsch des Duca Mansone neben der frühchristlichen Basilica del Crocifisso aus dem 6. Jahrhundert errichtet. Die Bauherren verbanden die beiden Gotteshäuser mit einem Säulengang, den sie sich von nordafrikanischen Moscheen abgeschaut hatten. Nach vielen baulichen Veränderungen am Dom sind die beiden Kirchen äußerlich zu einer verwachsen.

Die prächtige Barockverkleidung des Doms geht auf den Anfang des 18. Jahrhunderts zurück und verbirgt die romanische Kirche. Eingangsbereich und Fassade mussten 1889–1891  nach einem Einsturz neu aufgebaut werden. Geradezu mystisch wirkt die Atmosphäre im angrenzenden Paradieskreuzgang aus dem 13. Jahrhundert, ein Friedhof für amafiltinische Edelleute. Durch die Bögen schimmert das Grün eines zentralen südländischen Gärtchens. An der nördlichen Seite halten wir inne, um den Blick auf den Glockenturm zu genießen, dekoriert im maurischen Stil mit Majolikakacheln.

Paradiskreuzgang, Dom zu Amalfi, Amalfi

Im Chiostro del Paradiso (Paradieskreuzgang) ließ sich Mitte des 13. Jahrhunderts die amalfitinische Aristokratie zwischen arabisch-spanischen Säulen begraben, mit Aussicht auf das Paradies

Vom Paradieskreuzgang kommen wir in die Kruzifixbasilika, deren Originalkern auf das Jahr 596 zurückgeht. Die ursprüngliche Domkirche ist heute ein Museum, in dem Prunkstücke vom Domschatz ausgestellt sind, teils hinter Panzerglas. Sehenswert sind ein mit Goldblättern belegtes Messgewand flämischer Herkunft, ein Kelch aus dem 14. Jahrhundert und zwei Reliquienschreine aus Ochsenknochen, ebenfalls 14. Jahrhundert.

Paradiskreuzgang, Dom zu Amalfi, Amalfi

Kirche oder Moschee? Barocke und orientalische Baustile vermischen sich an der  Cattedrale di Sant’Andrea in Amalfi

Am Ende unserer Amalfi-Tour werfen wir einen Blick in den Hafen, und zurück auf das Städtchen. Es ist ein wunderbarer Anblick, fast dramatisch, mit den dicken Wolken am Himmel. Wir haben den Tag doch tatsächlich überstanden, ohne ein einziges Mal unseren neuen Schirm zu benutzen, den wir heute morgen gekauft haben.

Unser Blick auf Amalfi am Nachmittag des heutigen Tages (klickt/tippt auf das Panoramafoto um die Großdarstellung zu öffnen):

Amalfi, Panorama

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Ein Kommentar zu “Tag 3 gerettet: prächtiges Amalfi
  1. Hannelore Siebert sagt:

    Erwarte jeden Tag mit Spannung Eure tollen Fotos und interessanten Kommentare.
    Oma E.

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