Tag 4 in fünf Akten

Der Tag beginnt mit gleißendem Sonnenschein, der direkt in unser Hotelzimmer fällt. Darum sind wir auch schon alle kurz nach 7:00 Uhr wach um zu beschließen: Das muss ein Wandertag werden. Wir hatten schon einiges über das Örtchen Montepertuso gehört und gelesen, das oberhalb von Positano in den Bergen liegt. Dieses soll heute unser Ziel sein.

Kurz nach dem Frühstück beobachten wir direkt vorm Hotel ein abenteuerliches Parkmanöver. Ein Heizöltankwagen manövriert sich zentimetergenau in den Seitenstreifen der Haarnadelkurve zu unseren Füßen, direkt vor die Grotte. Rund 20 Meter höher im Berg entdecken wir einen Art Flaschenzug, an dem zwei Anwohner herumfummeln. Anscheinend wollen sie irgend etwas mit einem Seil hinaufziehen. Nach ein paar Minuten wissen wir, dass es der Schlauch des Tankwagens ist, der senkrecht nach oben verlegt wird. Na klar, zu den Häusern im Berg führt keine Straße, also muss das Öl über eine längere Strecke hochgepumpt werden.

1. Die ganze Geschichte ist in der folgenden Abbildung dargestellt (Anklicken zum Vergrößern):

Eine Heizöllieferung über 20 Höhenmeter

Hier seht ihr unser Hotel »Posa Posa« in voller Pracht, es ist das in den Berg hinein gebaute gelbe Gebäude. Leicht unterschätzt man seine Größe. Das Hotel erstreckt sich über 9 Etagen, auf jeder 4 bis 5 Zimmer, auf dem Dach sogar ein kleiner Pool. Die weiße gestrichelte Linie zeigt den Verlauf der Einbahnstraße durch Positano, einschließlich der sichtbaren engen Kurve an der Grotte. Dort parkt der rote Avia-Öltankwagen, dessen Schlauch senkrecht nach oben zu einer Seilwinde führt (rote gepunktete Linie). Die weißen Häuser am oberen Bildrand bekommen die Öllieferung. Zu ihnen führt keine Straße, nur eine Treppe. Rechts im Bild ist auch der Parkplatz zu sehen, bei dem wir unser Auto abgegeben haben.

Da man in Positano ständig irgendwelche Treppen auf- und abgehen muss, halten sich die meisten Besucher in der unteren Hälfte des Städtchens auf. Auch wir haben uns in den ersten drei Tagen stets abwärts bewegt. Doch heute geht es bergauf. Wir laufen zunächst auf der einzigen Straße, die sich durchs Dorf schlängelt. Unsere erste Station ist die Chiesa Nuova, also die Neue Kirche. Bevor wir die Treppen hinter der Kirche besteigen, nehmen wir auf einer Bank des kleinen Kirchplatzes ein kurzes Sonnenbad. Danach suchen wir die Landstraße in Richtung Montepertuso und Nocelle, die wir laufen möchten.

Den berühmten »Weg der Götter« (Sentiero degli Dei), der Wanderer in eine Höhe von 770 Metern bringt, meiden wir aus mehreren Gründen. Erstens liegt der Berg ab 400 Metern im Nebel, zweitens sind wir nicht richtig ausgerüstet (Trekkingschuhe und bequeme Kleidung sind ein Muss), und drittens wollen wir keine 6 Stunden laufen. Aber auch die leicht ansteigende Straßenroute erfreut uns mit tollen Perspektiven und netten Überraschungen am Wegesrand.

2. Schon nach 20 bis 30 Minuten bietet sich uns dieses Bild von Positano:

Positano von oben

Positano war vor Jahrhunderten ein Fischerdorf, was man dem Ort längst nicht mehr ansieht. Er liegt herrlich im Zentrum der Bucht zwischen der Punta Germano und dem Capo Sottile. Stufenweise fällt die Kaskade der würfelförmigen Häuser an zwei Hängen zum Meer hinab. Wir blicken auf weiße und rosa Fassaden, bogenüberspannte Loggien und Balkone, an denen sich Bougainvilleen und Wildrosen entlang ranken. Schräg gegenüber liegen die Felsinseln von La Galli, angeblich die versteinerten Sirenen des Odysseus. In der Ferne erhebt sich das 10 km² Kalkfelsen von Capri, der hier im Bild verdeckt ist. 

Je höher wir wandern, um so feuchter und kühler wird die Luft. Wir kommen vorbei an teils verwilderten, teils liebevoll gepflegten Gärten. Ab und zu begegnet uns auch ein Auto. Zwischendurch tauchen immer wieder Stationen mit Mutter-Gottes-Figuren oder Heiligenbildern auf. Dann endlich erblicken wir die nächste Sehenswürdigkeit, das Naturspektakel der Montagna Forata, eine durchlöcherte Felswand. Unser Reiseführer schreibt, dass diese Art von Berg sehr selten sei; zwei weitere davon gäbe es nur noch in Indien.

Sogar in dieser wilden Region gibt es jede Menge Treppenwege. Ein schmaler rechts vor uns, der abwärts führt, ist sogar mit einer Glühlampen-Girlande beleuchtet, die man selbst einschalten kann.

3. Was es mit dem riesigen Loch in der Felswand auf sich hat, erfahrt ihr in der Bildunterschrift:

Einsame Glühbirne in den Bergen

Die Europäische Union will die Glühbirne verbieten. Hier in den Monti Lattari (Milchberge) weist sie den Wanderern im Dunkeln den Weg auf engen, steilen Treppen. Seinen Namen erhielt das Lattari-Gebirge bereits in der Antike, in Anlehnung an den Lactarius Mons (Milchberg), den die Römer wegen seiner fetten Weiden und des milchreichen Viehs schätzten. Steile Felsformationen machen die Berge zur spektakulärsten Steilküste Italiens. Im Mittelalter flüchteten die Bewohner Positanos bei Piratenangriffen in die schwer zugänglichen Höhen. Ein seltenes Naturphänomen ist die hier zu sehende Felswand mit dem klaffenden Loch, das die Madonna im Kampf mit dem Teufel in den Berg geschlagen haben soll.

Nach rund anderthalb Stunden Wanderschaft haben wir das Bergdorf Montepertuso erreicht. Wir suchen zunächst die kleine, gemütliche Bar »Il Pertuso« auf, um Cappuccino und heiße Schokolade zu uns zu nehmen. Wir werden sehr nett bedient, von der Inhaberin Teresa Criscuolo. Danach marschieren wir noch ein Stück nach oben zur Kirche »Madonna delle Grazie«. Sie liegt direkt neben einem Fußballplatz; ein zweiter, kleinerer Trainingsplatz reicht sogar bis ans Kirchengemäuer. Wir wollen um 12:00 Uhr im zentralen Restaurant zu Mittag essen, doch leider öffnet es erst am Karfreitag. Aus diesem Dilemma gibt es nur einen Ausweg: Zurück nach Positano, aber über die schnellste Route, das sind die 1000 Treppen durchs Gebirge.

4. Was uns auf den 1000 Treppen zurück nach Positano so alles begegnete:

1000 Treppenstufen von Montepertusa nach Positano

Wir hätten nie gedacht, dass Treppen abwärts laufen so anstrengend sein kann. Am Anfang faszinierten uns die tiefen Stufen, die man nicht schnell heruntergehen kann, weil stets ein Zwischenschritt nötig ist. Wir kommen vorbei wilden Gärten, Zitronenbäumen und seltenen Pflanzen. Es duftet nach Ginster, Myrte, Laub und Kräutern. Am Wegesrand stehen wilder Spargel und Knoblauch. Ein Einheimischer mit Hund, der uns entgegenkommt, zeigt uns stolz einen Bund mit dünnem, grünen Spargel – frisch gepflückt. Die Treppen führen in Serpentinen bergab. Irgendwann nach 15 Minuten hören wir wieder die Geräusche des quirligen Städtchens Positano. Doch noch sind wir nicht am Ziel. Wir passieren zwei Tropfsteinhöhlen, weitere Gärten und Gemüseterrassen. Nach rund 30 Minuten stehen wir endlich wieder auf der Straße.

Wir wollen ein kleines Café aufsuchen, an dem wir schon öfters vorbei gelaufen sind: eine Mischung aus Einrichtungs-Boutique und Trattoria. So wie unser geliebtes Freu Dich, in Bad Camberg. Vorher zapfen wir noch einen Geldautomaten an, der uns gleich nach dem Betreten des Sträßchens an einer Hauswand ins Auge fällt.

5. Warum das Geldabheben in Italien lebensgefährlich sein kann:

Geldabheben ist lebensgefährlich, in Positano

Sehr euch das an … die Deutsche Bank hat eine Filiale in Positano, Via Colombo Nummer 73. Diese Straße ist sehr schmal, nur rund 3 Meter. Das Problem für Bankkunden: Es gibt keinen Bürgersteig vor der Bank. Treten sie aus der Filiale, stehen sie unmittelbar auf der Fahrbahn. Heben sie ihr Geld am Automaten ab, tun sie das in der ständigen Gefahr, von breiten Fahrzeugen gestreift zu werden. Zum Glück ist das nicht passiert. Uns geht es gut, aber wir sind erschöpft von einem 3-stündigen Marsch.

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Nachtrag 1: Sicher wollt ihr jetzt noch wissen, wie es uns im oben erwähnten Café ergangen ist. Es heißt übrigens Casa e Bottega und ist ganz wunderbar. Drei Damen mit Hut schmeißen den Laden, ein Einrichtungshaus mit Küche. Wir haben ganz toll gegessen, Pasta, Salat und ein köstliches Tiramisu:

Restauranttipp: Casa e Bottega in Positano

Nachtrag 2: Wie sieht es denn nun aus, unser Tagesziel Montepertuso? Wir haben viele Fotos gemacht und wollen ein davon hier zeigen. Ihr seht hier die zentrale Kurve des Bergdorfes. Vor uns der über fünf Stufen zu erreichende Marktplatz, mit einem kleinen Lebensmittelladen und einem Restaurant, das aber erst übermorgen seine Saison eröffnet. Hinter uns (und nicht im Bild) die Kirche »Madonna delle Grazie«. Die Fattoria La Tagliata haben wir nicht besucht, aber ihr Besitzer fuhr fleißig Reklame mit seinem orangen Fiat 500.

Hauptverkehrsstraße in Montepertusa

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