Tag 5: Torna a Surriento

Denk’ ich an Sorrent, denk’ ich an Sonne, Gärten, Orangen und ›Komm’ bald wieder …‹. Genau davon erzählt das 1902 von Ernesto De Curtis komponierte und von seinem Bruder Giambattista getextete neapolitanische Lied »Torna a Surriento« (Komm’ zurück nach Sorrent). Es ist eines der romantischsten Lieder der Welt, und wurde von Caruso, Dean Martin, Mario Lanza, José Carreras, Plácido Domingo, Luciano Pavarotti, Franco Corelli, Elvis Presley (als »Surrender«) und vielen anderen Künstlern interpretiert. Claude Aveling schrieb den englischen Text mit dem Titel »Come Back to Sorrento.«

Hört und seht im folgenden Video die Fassung von Luciano Pavarotti, live gesungen bei einem Freiluftkonzert in Rom 1992:

Die Entscheidung für eine Tour nach Sorrent, das nur 40 Autominuten von Positano entfernt liegt, fiel bereits gestern. Heute morgen ist unser Fluchtwille ungebrochen, zumal es in unserem Städtchen so trübe und regnerisch ist, wie an keinem der Tage zuvor. Gleich nach dem Frühstück steigen wir ins Auto und kriechen die Berge von Positano hinauf zur Küstenstraße Amalfitana.

Als wir ganz dicht an den Sireneninseln Li Galli vorbeifahren, machen wir einen kurzen Fotostopp. Greta verlässt den Wagen mit Schirm und Kamera (Foto oben), um die drei Felsinseln im Nebel festzuhalten (hier ist ihr Foto zu sehen). Vor Jahrhunderten betörten an dieser Stelle die Gesänge der Sirenen die vorbeifahrenden Seeleute … bis zur Selbstaufgabe und Navigationsunfähigkeit.

Nach etwas mehr als einer halben Stunde haben wir die Sorrentinische Halbinsel überquert, die Wolkendecke wird immer lichter. Sollten wir etwa von der Schattenseite auf die Sonnenseite der Monti Lattari gewechselt sein? Genau so ist es.

Sorrent wurde, auf einem Felsplateau aus Tuffstein über dem Meer schwebend, von griechischen Siedlern gegründet. Aufgrund ihrer vorzüglichen Lage hoch über dem Golf von Neapel, wurde die Stadt im 18. Jahrhundert von den Engländern »entdeckt«. Unter deren Regie entstanden Prachthotels und Villen mit herrlichen Parks. Noch heute zieren sie die Kante der Steilküste und lassen den alten Zauber Sorrents verspüren. In den vergangenen Jahrzehnten sind ungezählte Hotelbauten hinzugekommen. Das Ergebnis sind Zersiedelung und Verkehrschaos. Auch wir kommen in den Genuss dieser Schattenseiten. Vom Stadtrand bis zum Erreichen eines Parkhauses im Zentrum brauchen wir fast eine halbe Stunde.

Der berühmteste Sohn von Sorrent ist der Dichter Torquato Tasso. Und so startet unser erster Rundgang ganz selbstverständlich an der Piazza Tasso. Ein Denkmal in der Mitte erinnert an den weltberühmten Renaissancedichter. 1544 wurde er in der Via Vittorio Veneto Nº 11 geboren, direkt neben dem heutigen Hotel Tramontano. Wir durchwandern das Luxushotel-Viertel von Sorrent und kommen an den wunderbar gelegenen Palästen des Hotel Bellevue Syrene, Hotel Continental, Excelsior Vittorio, dem Tramontano und dem Grand Hotel la Favorita vorbei.

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Neben dem Hotel Tramontano, in der Via Vittorio Veneto, wurde der berühmteste Sohn der Stadt Sorrent geboren, Torquato Tasso

Nach so viel Luxus steht uns der Sinn nach einer kleinen, typisch-sorrentinischen Café-Bar, falls es so etwas überhaupt im Centro gibt. Die Gassen der Stadt sind überfüllt mit austauschbaren Touristenangeboten, wie sie auch in anderen Brennpunkten am Mittelmeer anzutreffen sind. Doch wer sucht, der findet. Ein Einheimischer gibt uns in einer schmalen Gasse den Rat, den 5 Meter entfernten Garten des Cafè Latino aufzusuchen, ein Treppe oberhalb der Straße gelegen. Genau das machen wir, und stellen auf den ersten Blick fest: Das war ein wunderbarer Vorschlag.

Man merkt dem hektischen Treiben im Café zwar an, dass es sich – wie tausende andere gastronomischer Betriebe auf der Halbinsel –, für die morgen beginnende Saison vorbereitet, aber die Generalprobe läuft bereits, und wir sind gern gesehene Gäste. Und so sitzen wir unversehens in der Mittelmeersonne unter Zitronen- und Orangenbäumen, genießen Cappuccino und Fruchtmixgetränke, die uns ein Kellner bringt, der heute seinen ersten Arbeitstag angetreten hat. Salve.

Zitronenbaum von unten

Ein Blick nach oben im Cafè Latino bestätigt uns: Wir sind am Ziel: Sonne + Zitronen + Lebensfreude = Sorrent

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Der duftende Garten des Cafè Latino hat uns in Empfang genommen, mit blühenden Beeten und Zitrusfrüchten an den Bäumen

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Während sich in Positano der Nebel in den Bergen festgesetzt hat, scheint in Sorrent die Sonne; wir genießen Fruchtmixe, Cappuccino und Limoncello

Sorrent existiert nicht nur oben, auf dem ebenen Tuffblock, sondern auch eine Etage tiefer am Meer. Und diese besichtigen wir nach der Kaffeepause. In Marina Grande, dem charmanten Fischer-Treffpunkt der Stadt, vermischt sich der maritime Lebens- und Arbeitsrhythmus mit den Gepflogenheiten des Tourismus. Es gibt kaum Badestellen an der schroffen Küste, dafür jede Menge Restaurants und Snack-Bars, die ihre Fischgerichte den vorbeilaufenden Besuchern anpreisen.

Die benachbarte neuere Marina Piccola erreichen wir über 200 steile Stufen, die vom Stadtzentrum nach unten führen. Hier befindet sich der Anlegehafen für Fähren und Tragflächenboote, aber auch ein kleiner Badestrand mit grauem Sand und Klippenstegen. Wir laufen vor bis zum Ende der Anlegepromenade und verweilen dort auf Bänken in der Sonne.

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Marie am Pier des Hafens von Sorrent, im Hintergrund säumen Luxushotels den Klippenrand

Langsam wird es Zeit für den Mittagstisch. Die Auswahl an Restaurants ist groß, im Zentrum von Sorrent. Wir landen in einer Gaststätte mitten auf einem kleinen Platz, wo wir, von Zeltplanen überdacht, im Freien essen. Danach durchforsten wir weitere Sträßchen des Zentrums. Am Ende einer Gasse werfen wir einen letzten Blick aufs Meer, und kehren danach zu unserem Wagen zurück.

Letzte Station des Tages: Auf dem Rückweg wollen wir eine nette Bar in den Bergen aufsuchen, um einen landestypischen Kaffee zu trinken. Wir landen in einem verschlafenen Ortsteil von Massa Lubrense, in der »Bar Monticchio« von Benedetto de Gregorio. Zunächst denken wir, das Lokal, das an einem Kirchplatz liegt, ist gar nicht geöffnet: alles dunkel, keine Aufsteller draußen. Nur ein BAR-Schild leuchtet im Fenster. Als wir die angelehnte Tür aufdrücken, und diese sich mit einem jämmerlichen Quietschton öffnet, kamen wir uns wie in einem Italo-Western vor. In der Bar keine Menschenseele. Aus einer Ecke quäkte eine sicher ständig wiederholende Frauenstimme, wie aus einem Grammophon, dessen Nadel sich aufgehängt hat. Dann plötzlich erhob sich Benedetto hinterm Tresen aus seinem Sessel. Er ist ein Netter, macht sich irre Mühe mit den Kaffees und bedient uns freundlich.

Hört euch die quietschende Pforte einer Bar in den Bergen der Sorrentinischen Halbinsel an, die wie ein Saloon-Tür in ›Spiel mir das Lied vom Tod‹ klingt …

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In der Ecke des Kirchplatzes Piazza S. Pietro empfängt Benedetto de Gregorio seine Gäste in der Bar Monticchio; im Bildvordergrund die beiden häufigsten Fahrzeugtypen der Region, der Kleintransporter Ape (italienisch für Biene) und der Fiat 500

Wir fahren gestärkt nach Hause und lassen den Tag ausklingen. Morgen reisen wir nach Neapel, Standortwechsel.

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Ein Kommentar zu “Tag 5: Torna a Surriento
  1. Gudrun Spree sagt:

    Diese italienische Region ist eine nichtendende Überraschungstour. Bella Italia!!!

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