Trance und Raserei in Neapel (7)

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Das Wahrzeichen Neapels, Castel Nuovo, hat schon 700 Jahre auf dem Buckel

Der Tag in Neapel startet bedeckt, aber trocken. Beim Frühstück beschließen wir, am Morgen eine Stadtrundfahrt zu unternehmen. Vorher geben wir noch den Leihwagen ab, mit dem wir im Stadtzentrum nicht viel anfangen können: keine Parkplätze, Tagesgebühr im Parkhaus 25 €, und den Tripp morgen früh zum Flughafen überlassen wir lieber einem erfahrenen Taxifahrer.

In der Autovermietung lassen wir  uns noch verraten, wo die Touristenbusse starten. Ihre Basis ist das nahgelegene Neue Schloss (Castel Nuovo, siehe Abbildung oben). Und dort stehen sie dann auch, die roten Doppeldecker, ohne Dach in der oberen Etage. Wir wählen aus drei Touren die Kunstroute aus und besteigen gleich den bereitstehenden Bus von CitySightseeing Napoli. Im Oberdeck in der ersten Reihe sitzen wir windgeschützt hinter einer Scheibe, die Kameras schussbereit in Händen.

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Fast an jedem Wohnungsfenster in Neapel hängt Wäsche zum Trocknen, die bei Regen mit einer Folie abgedeckt wird

Die Route führt über die Piazza Gesù Nuova hinaus zum Museum und Stadtpark von Capodimonte. Der Park, in dem wir einen kurzen Zwischenstopp einlegen, ist überwältigend in seiner geplant angelegten Schönheit und Größe. Für einen Besuch des Museums (der »Louvre Neapels«) fehlt uns leider die Zeit. Über die Piazza Sanità, den Dom und die Piazza Nicola Ammore kommen wir wieder in die Nähe unseres Hotels, wo wir uns erst mal in einer Bar aufwärmen: Der Wind oben im Bus hat uns ziemlich ausgekühlt. Aber wir waren total froh, die Stadtrundfahrt unternommen zu haben. Neapel hat uns einen Großteil seiner widersprüchlichen Vielfalt gezeigt, die sich uns zu Fuß nie erschlossen hätte.

Kurz ein paar Fakten. Neapel ist die drittgrößte Stadt Italiens, zehnmal so dicht besiedelt wie Florenz. Im Zentrum zählt sie 1 Million Einwohner; zählt man die wild zersiedelten Peripheriezonen dazu, sind es 3 Millionen Menschen. Im dichten Geflecht der Gebäude verbergen sich 300 Kirchen, Burgen, Klöster und ungezählte Paläste. Jede Epoche, jede Herrschaft hat ihre Spuren hinterlassen. Auf den ersten Blick wirkt die Stadt chaotisch, doch auf den zweiten erkennt man, dass sie nach eigenen praktischen Gesetzen funktioniert. Wenn es die nicht gäbe, würde gar nichts funktionieren.

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Das Leben und der Verkehr finden in Neapel auf vielen Ebenen statt …

Zum Mittag wollen wir eine echt napolitanische Pizza essen. Sie besteht in ihrer klassischen Form aus einem sehr dünnen Teig, belegt mit ganzen oder pürierten San-Marzano-Tomaten, Büffelmozarella, Basilikum und nativem Olivenöl. Die empfohlene Pizzeria in der Via dei Tribunali ist hoffnungslos überlastet, vor dem Laden stehen die Touristen Schlange. Wir finden eine kleine, feine Alternative neben der Kirche San Maria Maggiore. Greta bestellt sich Spaghetti, der Rest der Familie entscheidet sich für Pizzen.

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Mittagessen in der Pizzeria Locanda del Grifo …

Neapolitaner gelten in Italien als freundlich, hilfbereit, gesellig, manchmal vielleicht auch aufdringlich. Auf uns haben die Menschen einen sympathischen Eindruck hinterlassen. Der Neapolitaner bewegt sich langsam, wenn er zu Fuß unterwegs ist. Für deutsche Verhältnisse so als habe er kein Ziel, keine Eile, keine Verpflichtungen. Dieses Tempo sollte man genießen, ja annehmen. Eile ist Stress und Stress muss unbedingt vermieden werden in Neapel. Zur Entschleunigung dienen auch Gespräche aller Art: persönlich mit den Menschen auf der Straße, mit sich selbst, oder am Handy mit Familienmitgliedern und Geschäftspartnern.

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Immer offen für ein Gespräch … ein naplitanischer Straßenhändler teilt mit Kunden seine Sorgen

Neapel ist ein Einkaufsparadies für Schuhe und Kleidung aller Preislagen. Die bekannten Einkaufsstraßen sind die Via Scarlatti auf dem bürgerlichen Vomero, die Via Toledo im unteren Teil Neapels (Centro) und die Via Chiaia. Beeindruckend ist die Galleria Umberto I, unweit von unserem Hotel. Sie ist mit einer großen Kuppel überdacht und liegt direkt gegenüber dem weltberühmten Opernhaus Teatro San Carlo. Die Galerie wurde in den Jahren 1887 bis 1890 erbaut und war Teil der Stadterneuerung nach der Choleraepidemie von 1884. Die Passage besteht aus zwei sich kreuzenden Armen, die mit einem tonnenförmigen Glasdach überdacht worden sind.

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Typisch für Neapel sind enge Gässchen und viele kleine Geschäfte mit oft skurrilen Auslagen

Als wir am Mittag durch die Altstadt schlendern, hören wir auf der Via dei Tribunali plötzlich Blasmusik und Trommeln. Aus der Ferne sind Fahnen zu erkennen. Eine Prozession? Später lesen wir in unserem Reiseführer, dass es sich um einen neapolitanischen Osterkult handelt. Eine Gruppe Gläubiger, die squadra, weiß gekleidet, zieht fahnenschwingend durch die Gassen. Es sind Teilnehmer einer Art religiösen Wettkampfs, der der Madonna dell’Arco geweiht ist und am Ostermontag seinen Höhepunkt erlebt. Bis dahin kämpfen die Mannschaften, die aus verschiedenen Stadtteilen kommen, um die beste Darbietung. Auch Kinder und Jugendliche sind mit dabei und tragen Standarten und Fahnen.

Am Montag führt sie die Prozession nach Sant Anastasia, zur Wallfahrtskirche der Madonna dell’Arco am Fuße des Vesuvs. Barfuß oder auf Strümpfen werden die Gläubigen bis dahin schon kilometerlange Strecken zurückgelegt haben, wenn sie vor der Kirche ankommen. Manche Pilger verlieren seine letzte Kraft, sobald er das Gotteshaus betritt. Andere rutschen auf Knien die letzten Meter. Dies alles wird begleitet von tranceartigen Gesängen und Gestammel.

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Aber warum machen die Gläubigen diese Umzüge? Die Ursache liegt in einer Geschichte begründet, die im Jahre 1450 stattfand. Ein Junge hatte einem Madonnenbild in der kleinen Straßenkapelle seiner Ortschaft Arco-Sant’Anastasia bei Neapel einen Ball ins Gesicht geschleudert, zornig über ein verlorenes Spiel. Die Madonna fing an der Wange an zu bluten, der Sportler drehte daraufhin durch, vor lauter Verzweiflung. Später wurde er für seine Untat geköpft. Zur Erinnerung an den Vorfall errichteten Gläubige zunächst eine kleine Marienkapelle, worauf sich diese Geste im Laufe der Zeit zu den heutigen Dimensionen ausgebaut hat.

Wir haben heute Mittag ein kleines Video aufgenommen, dass die Intensität und den Prunk der Madonnen-Verehrung zeigt, und mit welcher Energie die Gläubigen ihrem Kult nachgehen:

Das war’s soweit aus Neapel. Eine abschließenden Beurteilung und bisher unveröffentlichte Fotos folgen über die Osterfeiertage.

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Ein Kommentar zu “Trance und Raserei in Neapel (7)
  1. Reinhard Spree sagt:

    Wie die vorherigen Mitschnitte sehr lebendig und anschaulich, so dass wir als Leser viel von Euren Erlebnissen nachempfinden konnten. Vielen Dank!
    Herzlichst
    Reinhard

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