Verriegelter Koffer in San Francisco

Die cleversten Kofferexperten arbeiten nicht bei Rimowa oder Delsey, sondern im Sicherheitscheck hinter den Kulissen internationaler Flughäfen. Dort öffnen sie in Zweierteams (»4-Augen-Prinzip«) binnen Sekunden aufgegebene Gepäckstücke, die ihnen verdächtig erscheinen. Dabei ist es völlig egal, ob der Eigentümer diese zu Hause mit Schlüssel oder Zahlenkombination verriegelt hat. Die Reisenden bemerken den Einbruch erst am Ziel, wenn ihnen beim Auspacken das Öffnungsprotokoll in die Hände fällt. Ich schließe meinen Samsonite-Koffer nie ab. Die unbenutzten Schlüssel liegen seit dem ersten Einsatz im Inneren der Hartschale, das Zahlenschloss steht auf der Werkseinstellung 000. Dummerweise haben sich die Gepäcköffner heute morgen über meine Verschlusspolitik hinweggesetzt und eines der beiden Schieb-Klapp-Schlösser verriegelt, wahrscheinlich mit ihrem 1000-Koffermarken-Universalschließer. Und so beginnt mein Aufenthalt in San Francisco mit einem Rollkoffer-Tour, zum Zwecke der Notöffnung.

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Die nächste Reise hat begonnen: eine Woche San Francisco, TYPO-Designkonferenz am Donnerstag und Freitag. Der Hinflug über New York begann am gestrigen Dienstagmorgen und endete Mittwochnacht, 03:00 Uhr Berliner Zeit, in der kalifornischen Metropole. Beim Zwischenstop erhaschte ich aus dem Flieger einen Blick auf Manhattan … siehe Abbildung oben.

Noch ein Tipp: In Berlin habe ich mich von dem neuen Limousinen-Service MyDriver zum Flughafen Tegel bringen lassen. Sehr empfehlenswert. Der Autovermieter Sixt betreibt diesen Service, mit brandneuen, komfortablen Oberklasse-Fahrzeugen und gut ausgebildeten Chauffeuren. Die Preise liegen rund 15 % unter den amtlichen Taxitarifen, es tickt kein Taxameter und die Bezahlung wird automatisch abgewickelt.

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Um so klappriger das Taxi in San Francisco. Aber zuverlässig, schnell und ortskundig. Binnen 30 Minuten bin ich im Hotel, also gegen 18:30 Uhr Ortszeit. Ich hatte mir für den Abend nicht viel vorgenommen, nur einen Abstecher in die nahe gelegene Einkaufs-Mall von Nordstrom

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Diese Anzeige von Converse in der US-Ausgabe der Zeitschrift Wired hatte mich auf dem Flug zwischen NYC und SFO angemacht: »Schuhe sind langweilig. Trag’ Sneakers. Die Converse Jack Purcell Sneaker. Nur bei Nordstrom.« Ich weiß zwar nicht, wer Jack Purcell ist, aber dafür gibt es ja Wikipedia: »John Edward ›Jack‹ Purcell (* 24. Dezember 1903 in Guelph; † 10. Juni 1991 in Toronto) war ein kanadischer Badmintonspieler. In den Jahren 1929 und 1930 war er kanadischer Badminton-Meister, 1933 wurde er zum Weltmeister erklärt. 1945 beendete er seine Sportkarriere und wurde ein erfolgreicher Börsenmakler«. Eine ausgesprochen nordamerikanische Karriere … Nebenbei entwarf Purcell tatsächlich 1935 für die kanadische B.F. Goodrich Company die nach ihm benannten Sportschuhe, deren Vermarktungsrechte 1970 von Converse aufgekauft wurden.

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Im Hotelzimmer angekommen, will ich noch schnell den Anzug und die gebügelten Hemden aus dem Koffer nehmen und in den Schrank hängen, bevor ich die Shoppingrunde starte. Doch mein 3-Punkt-Koffer-Schließsystem durchkreuzt jäh diesen Plan. Das linke Schiebeschloss bewegt sich keinen Millimeter. Es sperrt. Ich versuche im Schlüsselloch herumzufummeln, erst mit einer 1-Cent-Münze, dann mit einer Büroklammer, die ich mir an der Rezeption hole. Fehlanzeige. Das Schloss ist ohne spezielles Werkzeug nicht zu knacken. Aber wo findet man um diese Uhrzeit mitten in San Francisco entweder Werkzeug, oder einen Schlüsseldienst? Außerdem will ich für das Öffnen eines Kofferschlosses keine 100 Dollar bezahlen.

Nach kurzer Diskussion mit dem Concierge und einer gemeinsamen Recherche im Netz, empfiehlt er mir dann doch, die Nordstrom-Mall aufzusuchen. Da gebe es zwar keinen Samsonite-Store, aber einen Tumi-Laden und den Travel-Plus-Store, der Reisgepäck verschiedener Hersteller führt. OK. So hatte ich mir den Einkaufsbummel zwar nicht vorgestellt … aber ich ziehe dann mal los: mit prall gefülltem Koffer, der sich nicht öffnen lässt. Die beiden anderen Stationen, nämlich den Shoe-Shine-Stand in der Herrenschuh-Abteilung von Nordstrom und natürlich die Converse-Ecke, die gleich daneben liegen muss, rücken erst mal in weite Ferne.

Nordstrom liegt zum Glück nur zwei Blocks entfernt vom Hotel. Rund 200 Läden gibt es in der Shopping-Mall, verrät mir die Orientierungstafel. Fünf Shops sind unter der Überschrift Reisen und Gepäck aufgelistet. Ich fange mal mit Travel-Plus an, die sind in der 3. Etage. Die halbkreisförmigen Rolltreppen bringen mich nach oben. Im Laden zwei Verkäuferinnen, die sich beim Anhören meiner Geschichte mitfühlend und freundlich zeigen – sogar Samsonite führen sie –, aber Ersatzschlüssel, einen Universalöffner, oder irgend einen Trick zum Öffnen haben sie leider nicht auf Lager. Dafür aber einen heißen Tipp: eine Etage tiefer soll es seit 8 Tagen einen Samsonite-Shop geben. Wenn das nicht meine Rettung ist …

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Sie hatten recht … auch davon kann man in der Geschäftswelt nicht immer ausgehen, dass Verkäufer(innen) auch nur annähernd wissen, welche Wettbewerber oder Alternativen es im engsten Umkreis ihres täglichen Arbeitsplatzes gibt. Auch nicht schlecht: In dem neuen Samsonite-Laden steht ein kräftig gebauter Mann an der Kasse, es könnte der jüngere Bruder von Will.I.Am sein. Er versteht sofort mein Problem und kennt sich mit den verschiedenen Schlosstechniken der Samsonite-Modellreihen aus. »Der Klappverschluss ist ganz klar verriegelt« bestätigt er noch mal meine Befürchtungen. Ersatzschlüssel hat er keine. Also ruft er erst mal seinen Filialleiter an. Die beiden erwägen verschiedene Optionen, von denen er mir nach drei Minuten zwei anbietet:

  1. Er bricht das Schloss auf, und anschließend kann ich mir einen neuen Koffer zum Supersonderrrabatt von 50 % aussuchen
  2. Sein Handwerker-Kumpel kommt morgen im Laden vorbei und öffnet das Schloss – unversehrt

Ich will nicht bis morgen warten. Wir entschließen uns für Aufbrechen. Er greift zu einem kräftigen Schraubenzieher, den er zwischen Schlossblende und Riegel ansetzt und nach oben stemmt. Beim zweiten Versuch ist das Schloss aufgehebelt. Und das Tollste: Es schließt weiterhin, was ich mit dem drinnen liegenden Schlüssel sofort ausprobieren kann. Wir sind alle beide sehr glücklich. Und leider vergesse ich deswegen total, ihm ein Trinkgeld in die Hand zu drücken.

Jetzt gehe ich mit meinem wieder funktionierenden Koffer eine Etage höher zur Nordstrom, lasse mir erst die Stiefel polieren und kaufe dann nebenan für 70 Dollar die Jack-Purcell-Sneaker aus weißem Leder. Die packen ich in meinem Koffer, und dann rollen wir wieder zurück ins Hotel … mit kaum merklichen Zeitverlust, denn irgendwie lagen Kofferknacken und Schuhekaufen so dicht beisammen, wie ich mir das nie hätte vorstellen können.

Als wir am Hotel ankommen, ist es auch schon dunkel geworden …

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The Good Hotel, San Francisco, Seventh Street

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