»Menschen, ich hatte euch lieb …« [Update]

Auf dem Weg zum Badegaus Goor passieren wir fast täglich einen Gedenkstein mit der Inschrift: »Menschen, ich hatte euch lieb. Seid wachsam!« Diese Worte haben es in sich. Sie stammen von Julius Fučík, ein tschechischer Schriftsteller, der am 8. September 1943 in Berlin-Plötzensee umgebracht wurde.

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Fučík wurde am 24. April 1942 in Prag, wohl eher zufällig bei einer Razzia, verhaftet. Zunächst kam er ins Gestapo-Gefängnis Pankrác, wo er verhört und gefoltert wurde. In dieser Zeit entstand seine »Reportage unter dem Strang geschrieben«, die von den Wärtern Adolf Kolínský und Josef Hora aus der Haft geschmuggelt wurde.

Der in Stein gemeißelte Satz ist dem letzten Kassiber mit der Nummer 167 entnommen, geschrieben am 9. Juni 1943 in der Zelle 267 des Prager Gestapo-Gefängnisses. Am nächsten Tag kam Fučík »auf Transport«. An Schreiben war nun nicht mehr zu denken. Im Mai 1943 wurde der Autor nach Deutschland deportiert. Für zwei Monate war er zunächst im Gefängnis Bautzen, danach in Berlin inhaftiert. Hier wurde er wegen Hochverrats angeklagt. Den Vorsitz des Gerichts führte der berüchtigte Roland Freisler. Fučík erhielt die Todesstrafe. In den frühen Morgenstunden des 8. September 1943 wurde Fučík, gerade vierzig Jahre alt, in der Hinrichtungsstätte Berlin-Plötzensee durch den Strang gemordet. Er war eines von 186 Opfern, die die Nazis in jener Nacht in einem Mordrausch gehenkt haben.

»Menschen, ich hatte euch lieb. Seid wachsam!« ist das Resümee eines antifaschistischen Widerstandes während der deutschen Okkupation in der Tschechoslowakei, eines kampferfüllten, aufklärerischen Lebens. Bis heute, siebzig Jahre nach der Ermordung Fučíks, hat diese Mahnung nichts von ihrer Bedeutung verloren. Es ist gut zu wissen, dass Fučíks  Buch eines der meist übersetzten Werke der Weltliteratur ist: In fast 90 Sprachen sind rund 300 Auflagen erschienen.

[Update: Der Gedenkstein, erschaffen von dem Bildhauer Werner Stötzer, wurde im Jahr 1978 errichtet. Er erinnert an die Opfer der Zwangsevakuierung des KZ Stutthof (Polen) im April 1945. Forschungsarbeiten von polnischer und deutscher Seite belegen, dass am 30. April 1945 Barken mit geschwächten Häftlingen den Lauterbacher Hafen erreichten. Bei der Ausgabe von über 100 Broten, die aus der Bäckerei Puchert herbeigeholt wurden, entstand ein großes Durcheinander, das mehrere Häftlinge zur Flucht nutzten. Einigen gelang sie, andere wurden von der SS-Begleitwache erschossen.

Nach Zerstörung und Diebstahl der Aschenurne 1990 wurde die Gedenkanlage 1995 wieder neu eingeweiht. Die Inschrift auf dem Sockel lautet: »Ehre den Opfern des Faschismus, die nach der Zwangsevakuierung des KZ Stutthof, Ende April Anfang Mai 1945 auf dem Greifswalder Bodden und in der Umgebung von Lauterbach ermordet wurden.«]

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2 Kommentare zu “»Menschen, ich hatte euch lieb …« [Update]
  1. reinhard spree sagt:

    Und warum steht dieser schöne Satz gerade am Weg zum Badehaus Goor?
    Herzlichst Reinhard

  2. Jürgen sagt:

    Danke für die Frage, Reinhard. Tatsächlich hatte ich nur die eine Hälfte der Geschichte um den Gedenkstein recherchiert. Nun ist der Beitrag um die Ereignisse Ergänzt, die zu seiner Errichtung führten.

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