Turbulente Tage

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5. Okt0ber: Wir sitzen an diesem Samstag wie geplant kurz nach 9:00 Uhr im Wagen, um die 700 Kilometer-Fahrt nach Ravensburg zu starten. Wir, das sind Mama, Papa und Greta. Unser ursprüngliches Ziel war Paris, wo wir – eigentlich gemeinsam mit Marie –  die zweite Woche der Herbstferien verbringen wollten. Doch Marie lebt seit fünf Tagen in Ravensburg. Und heute besuchen wir sie. Nur eine von mehreren Überraschungen, die uns dazu veranlasst, auf den ersten Autobahn-Kilometern die zurückliegenden turbulenten Tage noch mal Revue passieren zu lassen.

24. September: Am Dienstag fuhr ich morgens mit Judith nach Tegel, um mir zum ersten Mal ein Bild von Gudruns Gesundheitszustand zu machen. Am Tag zuvor hatten Reinhard, Nadja und Judith beschlossen, sie nach einer Woche Parkinson-Behandlung in der Schlosspark-Klinik, gegen den Willen der Ärzte, nach Hause zu holen. Sie hatte in der siebentägigen Obhut der Mediziner erschreckend abgebaut. Eine kontrollierte Nachtruhe schien nur noch unter Beobachtung möglich. Tagsüber lief sie rastlos in der Klinik umher. Am Montag bereiteten Ärzte und Pfleger kurzerhand die Überführung in eine geschlossene Psychiatrie vor. Die totale Eskalation bahnte sich an, und so war es nur verständlich und richtig, die Notbremse zu ziehen.

Ich traute meinen Augen nicht, als ich Gudrun sah. Zehn Tage zuvor hatten wir noch gemeinsam in Tegel an der Kaffeetafel Kuchen und Cappuccino genossen. Nun wankte sie mit halb geschlossenen Augen durch den Raum, stammelte unverständliche Worte und ließ sich immer wieder auf den Teppich sinken, um dort zwischen den Fasern etwas zu suchen, was sie selbst nicht benennen konnte.

Da uns keine Krankheit bekannt ist, bei der ein Mensch, ohne äußere Einwirkung, binnen weniger Tage zum Pflegefall wird, konnten nach Auffassung aller Außenstehenden nur die Psychopharmaka die Ursache für den körperlichen und geistigen Verfall sein. Darum beschloss Reinhard noch am selben Tag, diese Medikamente abzusetzen.

Mir selbst ging es aufgrund eines grippalen Infekts an diesem Tag auch nicht besonders. Ich hatte mir frei genommen und die geplante Reise zu einer Veranstaltung tags drauf abgesagt. Nach 2 Stunden in Tegel für ich wieder nach Hause, um Greta nach der Schule zu empfangen und ihr ein Mittagessen zuzubereiten. Judith blieb noch bei Gudrun bis zum Abend.

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Um 17:00 Uhr fuhr ich mit den Kindern in die Potsdamer Straße, wo gegen 19:00 Uhr im Reading Room die Premiere eines Designbuches gefeiert wurde. Mir fiel auf Wunsch der beiden Autorinnen die Rolle zu, eine kleine Laudatio zu halten. Später kam Judith auch dazu, und um 20:30 machten wir uns alle wieder auf den Weg nach Hause. Auf der Fahrt berichtete Judith über die aktuellsten Entwicklungen in Tegel.

25. September: Am nächsten Tag erreicht uns aus Tegel die frohe Kunde, dass das Absetzen der Medikamente seine Wirkung zeigt: Gudrun geht es wieder besser. Nadja ist zu Besuch und unterstützt Reinhard.

Morgens ruft Marie beim Berliner Büro des Stuttgarter Designunternehmens Strichpunkt an, um nachzufragen, ob sie  bald mit einer Entscheidung über ihre Bewerbung für das duale Studium rechnen könne. Sie hatte sich schon vor Wochen hierfür beworben, eine Kombination aus Berufspraktikum und Hochschule, die Anfang der 1970er Jahre in Baden-Württemberg unter der Bezeichnung »Berufsakademie« entwickelt wurde. Bewerber schließen einen dreijährigen Ausbildungsvertrag mit einem (Partner-)Unternehmen ab, wo die eine Hälfte der Ausbildung stattfindet. Die andere übernimmt eine Hochschule, wobei Theorie- und Praxisphasen im Rhythmus von drei Monaten wechseln. Die Duale Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) wurde mit der am 1. März 2009 durchgeführten  Umwandlung zu einer staatliche Hochschule aufgewertet. Bei den akkreditierten Studiengängen wird nun nach erfolgreichem Abschluss ein akademischer Grad (Bachelor) und keine Abschlussbezeichnung mehr verliehen.

Mittags dann der Anruf von Strichpunkt, dass sich die Bearbeitung der Bewerbung durch Urlaube und aus organisatorischen Gründen verzögert habe … Marie solle doch bitte morgen zum Vorstellungsgespräch kommen. Na hoppla, da hat ihr Anruf offensichtlich etwas in Bewegung gesetzt.

26. September: Der nächste Tag dann, mein Geburtstag. Und auch ein ganz normaler Arbeitstag, keine Party, keine Gäste. Für den Abend habe ich der Familie einen Tisch im Pauly Saal reserviert. Da Marie gegen 19:00 Uhr zum Vorstellungsgespräch in den Hackeschen Höfen bestellt ist, legen wir unser Essen auf 20:00 Uhr. Ich bin schon früh mit Greta in der Auguststraße. Wir machen noch einen Spaziergang durchs Scheunenviertel, dann durch die Oranienburger Straße bis hin zum Bahnhof Friedrichstraße. Zwischendurch kaufen wir für die Schule noch eine Flinke Flasche (Klebstoff).

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Um 19:30 betraten wir den Pauly Saal. Hier haben die Macher des Grill Royal, Stephan Landwehr und Boris Radczun, in der ehemaligen Jüdischen Mädchenschule vor einem Jahr ihr neues Restaurant gestartet. Die Schule in der Auguststraße wurde 1930 für rund 300 Schülerinnen eröffnet. Sie war eines der letzten Vorkriegsbauwerke auf dem Gelände der Jüdischen Gemeinde Berlin. Nach der Schließung 1942 durch die Nationalsozialisten wurde daraus ein provisorisches Krankenhaus. Von 1950 bis 1996 nutzten verschiedene Berliner Gymnasien die Schule, danach stand sie leer bis zur Renovierung 2011. Auf drei Etagen befinden sich heute Galerien, zwei Gaststätten und ein Museum.

Das Restaurant Pauly Saal liegt im Erdgeschoss. Seine Einrichtung folgt dem sachlichen Stil, mit dem der Architekt Alexander Beer eins das Gebäude entwarf. Da sind zum einen die mit grünem Samt bezogenen Sessel und Bänke, zum anderen die mächtigen Murano-Leuchter aus der namensgebenden Glas-Manufaktur Pauly. Als Kontrast sind auf mehreren Ablagen Kunstobjekte installiert, als zentraler Blickfang eine leuchtfarbene Rakete in Raumbreite sowie mehrere ausgestopfte »vermenschlichte« Waldtiere. Die Küche ist offen in der einen Hälfte des Saals untergebracht. Ihre Besonderheit liegt in der Verwendung von Bio-Produkten und einer grundlegend deutschen Speisenkarte, die auf delikate Weise österreichisch angehaucht ist.

Gegen 19:45 kommt auch schon Marie. Das Gespräch bei Strichpunkt lief wohl gut. Zur Entscheidungsfindung hat sie nur noch eine Aufgabe zu lösen: Bis zum nächsten Tag 12:00 Uhr eine einseitige Recherche zum Thema »Die Firma Haniel und Nachhaltigkeit« verfassen und per Mail senden. Um 20:00 Uhr kommt dann auch Judith, mit der guten Nachricht, dass es Gudrun viel besser gehe.

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Wir lassen uns die Karte bringen und Getränke. Als Vorspeise wählen wir für uns alle drei mal die Brandenburgischen Gabelbissen. Und dies sind unsere Hauptgerichte:

  • Greta: Leicht geräuchertes Tournedo vom Ostseelachs mit grünem Spargel, Erdäpfelcreme und kandierter Zitrone
  • Marie: Sterz-Teigtaschen mit jungem Feldsalat-Spinat und weißen Steinchampignons, dazu Bergkäse, Röstzwiebeln und Eiszapfenrettich
  • Judith: Kross gebratener Zander aus der Müritz, mit Steinpilzen, Lauch und Senfbutter
  • Jürgen: Moorhuhn aus Brandenburg, mit Steinpilzen, Lauch und Senfbutter

Greta gönnte sich dann noch eine Nachspeise, bei der wir alle mithalfen. Es war alles super-lecker. Gegen 22:00 Uhr treten wir die Heimreise an.

27. September: Am Freitagmorgen arbeitete Marie ihre Recherche aus, die sie fristgerecht an Strichpunkt mailte. Hier ein paar Auszüge:

Franz Haniel & Cie. und das Thema Nachhaltigkeit
Die Holding-Gesellschaft Franz Haniel (Duisburg) hat sich in den letzten 250 Jahren vom Kolonialwarenhändler zur global agierenden Unternehmensgruppe entwickelt. Mit mehr als 500 Standorten weltweit vereint Haniel verschiedene Unternehmen aus den Bereichen Handel und Dienstleistungen unter ihrem Dach, darunter die Metro Group und der Pharmagroßhändler Celesio.
Als ein seit vielen Generationen erfolgreiches Familienunternehmen, handelt Haniel – nach eigener Aussage – seit Anbeginn nach den drei Grundprinzipien Verantwortung, Werte und Nachhaltigkeit und möchte besonders die Nachhaltigkeit als Leitidee für sein unternehmerisches Handeln der Zukunft betonen. Zitat aus www.haniel.de: »Die Haniel-Werte für verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln folgen den Prinzipien des ›Ehrbaren Kaufmanns‹.«
Deshalb hat die Holding sich das Ziel gesetzt, bis 2020 gerade auf diesem Gebiet ein vorbildliches Unternehmen zu sein. Das Geschäftsmodell soll so ausgerichtet sein, dass die Bedürfnisse von Menschen, Umwelt und Unternehmen auf eine Art in Einklang gebracht werden, dass nachfolgende Generationen mindestens die gleichen Chancen haben, wie ihre Vorfahren heute. …

Wenige Stunden später kommt die Zusage. Als ich abends gegene 21:00 Uhr vom Type Talk im Apple Store nach Hause komme, kann ich es gar nicht glauben: Marie ist Studentin und muss schon am kommenden Dienstag an der Hochschule in Ravensburg antreten. Für uns heißt das am Wochenende: Unterkunft besorgen, Reise buchen, Koffer packen.

28. September: Am Samstag trifft sich Marie noch mal mit  Freundinnen und Freunden, um sich zu verabschieden. Für Sonntag laden wir Nadja, Oma und Reinhard zum Kaffeetrinken und Spazierengehen ein.

29. September: Heute ist Berlin-Marathon, der vierzigste. Nach dem Frühstück radle ich spontan zum Platz Am Wilden Eber in Dahlem, eine beliebte Station des Wettbewerbs, um ein bisschen Stimmung einzufangen und gegen 10:15 Uhr die Führenden der Männer und der Frauen vorbeilaufen zu sehen. Als ich zurückkomme wird in den Radionachrichten bereits vermeldet, dass der Kenianer Wilson Kipsang gewonnen und mit 2:03:23 den Weltrekord geknackt hat.

Nun treffen wir die Vorbereitungen für Maries Reise, nein: ihren Umzug nach Ravensburg. Nach einigen Telefonaten mit (ausgebuchten) Jugendherbergen, Hotels und Pensionen sank unsere Laune, und der kalkulierte Etat für die ersten Tage in der Fremde stieg. Doch auf einmal fügte sich alles. Marie fand ein Gästezimmer für 12 € die Nacht, und eine Studentenwohnung im Nachbarort Weingarten war auch schon in Sicht … sie musste nur noch in den kommenden 10 Tagen fertig gebaut werden. Dann buchten wir die Zugfahrt für den nächsten Tag ab Südkreuz 08:05 Uhr … ein bisschen kompliziert die Reise, mit 2 mal umsteigen.

Am Abend waren wir dann selbst verblüfft, wie sich in den vergangenen Tagen ein Steinchen zum anderen fügte.

Spaziergang mit Gudrun, Reinhard uns Nadja im Fischtal

Bei Sonntagsspaziergang im Fischtal war Gudrun wieder ganz die Alte, konnte prima mitlaufen und zeigte sich gut gelaunt in der Mittagsssonne

30. September: Der Montagmorgen läuft zeitlich ab wie ein Schultag, woran sich Marie und ich nur noch dunkel erinnern, nach Abitur und wochenlangem Ferienrhythmus. Nur statt der Schule ist gegen 8 Uhr der Bahnhof unser Ziel. Auf dem Bild unten seht ihr Marie den ICE Richtung Frankfurt am Main besteigen … mit all ihren wichtigen Dingen in einem Koffer.

Abschied von Marie

Heute am Samstag den 5. Oktober, nur fünf Tage später, werden wir sie wiedersehen. Unser Ziel ist das Hotel Obertor. Marie hat es ausgesucht, und wir haben für uns vier die 2-Zimmer-Suite gebucht. Nach einer unkomplizierten Fahrt über Leipzig (A9), Nürnberg/Feucht (A6), Feuchtwangen (A7) und Neu-Ulm (B 30) kommen wir gegen 17:00 Uhr in Ravensburg an.

Ravensburg ist Kreisstadt und die größte Stadt des gleichnamigen Landkreises im südlichen Oberschwaben. Der Ort liegt im Schussental unweit des Bodensees und wurde aufgrund seiner zahlreichen, gut erhaltenen mittelalterlichen Türme auch als »das schwäbische Nürnberg« bezeichnet. Oberhalb der Altstadt liegt die Veitsburg auf einem Höhenrücken, der das Schussental-Becken im Osten begrenzt. Das Stadtgebiet besteht aus der historischen Altstadt sowie Erweiterungen Richtung Norden, Süden und Osten und dem Neubaugebiet Weststadt; mit der Gemeindereform in den 1970er Jahren wurden Adelsreute, Eschach, Schmalegg und Taldorf eingemeindet. Rund 50.000 Einwohner leben in Ravensburg.

Das Hotel Obertor in Ravensburg

Wir parken unseren Wagen auf dem hoteleigenen Parkplatz hinter dem Haus und laden unsere Koffer aus. Dann ist auch schon Marie da. Bevor wir einen kleinen Rundgang durch die Stadt machen, reservieren wir uns für den Abend einen Tisch im Restaurant des Hotels.

Veröffentlicht in Aktuell
Ein Kommentar zu “Turbulente Tage
  1. Reinhard Spree sagt:

    Lieber Jürgen, vielen Dank für die Darstellung; gefällt mir. Mal sehen, was Gudrun sagt, die es noch nicht gelesen hat (ist mit Nadja gerade Brille aussuchen). Sie wird vor allem das Foto gut finden!
    Mit herzlichem Gruß
    Reinhard

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