Morgens Ravensburg, abends Paris

Blick aus dem Hotel Obertor, Ravensburg

Die bekanntesten Türme und Tore von Ravensburg sind der Mehlsack, das Wahrzeichen der Stadt, der Sauturm oder Spitalturm, der Grüne Turm, der Blaserturm, das Frauentor (Stadttor in Richtung Norden) und das Obertor (Stadttor in Richtung Osten). Von den vier Toren zur Stadt ist das Obertor sowohl das älteste, als auch das mit dem mächtigsten Mauerwerk. Genau an dieses schließt sich unser Hotel an, mit 12 Einzelzimmern, 16 Doppelzimmern, 2 Ferienwohnungen und 1 Suite, jeweils mit individueller Einrichtung. Die über 700-jährige Geschichte des Hauses spürt man in allen Winkeln.

Das Haus wurde im 13. Jahrhundert erbaut und in den folgenden Jahrhunderten um weitere  Stockwerke erweitert. Die Ravensburger Balkendecke im erste Stock entstand um 1640, die »romantische Balkendecke« im zweiten Stock folgte im 18. Jahrhundert. Im Jahr 1891 ging der damalige »Tor-Bäck« an die Familie Vesenmaier über. Aus der Bäckerei mit Weinprobierstube entstand im Laufe der Jahre ein Wirtshaus und später das heutige Hotel Obertor. Inzwischen beherbergt und bewirtet die Familie ihre Gäste im Obertor bereits in vierter Generation.

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Bevor wir Ravensburg am Sonntagmorgen wieder verlassen, um unser Ferienziel Paris anzusteuern, schauen wir uns das Städtchen noch mal genauer an. Die historische Altstadt ist bis auf wenige Bausünden der 1970er Jahre in weiten Teilen gut erhalten. Der Marienplatz teilt sie in die Oberstadt, die vor allem durch große Patrizierhäuser gekennzeichnet ist, und die weitgehend geometrisch angelegte Unterstadt mit kleineren Handwerker-Häusern. Im Zentrum befindet sich das Ensemble aus Rathaus (mit reichgeschmückten historischen Ratssälen) und Waaghaus (städtisches Münz- und Eichamt sowie Kaufhalle) mit dem 51 m hohen Blaserturm, dem das Lederhaus (Zunft- und Kaufhaus der Lederinnung) gegenüber liegt. Am südlichen Ende des Marienplatzes steht das Kornhaus, vormals Sitz der oberschwäbischen Fruchtbörse, heute Stadtbücherei. Der nordöstliche Eckturm der Unterstadt ist der Grüne Turm, dessen Namensgebung auf die grün glasierten Dachziegel zurückgeht (Abbildung oben).

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Der Dialekt der Ravensburger ist Oberschwäbisch. Linguistisch gehört er zu den alemannischen Dialekten. Da Schwäbisch in Reinform erhebliche Abweichungen in Aussprache, Wortschatz und Grammatik gegenüber dem Hochdeutschen aufweist und für Norddeutsche nur schwer verständlich ist, könnte es auch als selbständige Sprache betrachtet werden. Doch auch im Schwabenländle ist Hochdeutsche die amtliche Schriftsprache (Dachsprache), so dass der Dialekt ein Teil der deutschen Sprache ist. Die meisten Schwaben sprechen heute glücklicherweise eine gemäßigte Zwischenform, also Hochdeutsch mit lokaler Färbung.

Der Lautbestand des Schwäbischen, insbesondere an Vokalen, ist viel reicher als der des heutigen Hochdeutsch. Er umfasst erheblich mehr Monophthonge und Diphthonge, dazu eine große Zahl an Nasal- und Schwa-Lauten, die weit über das vergleichsweise geringe Inventar der deutschen Hochsprache hinausgehen. Darin liegt zugleich das Grundproblem jeder Art von Schreibung des Schwäbischen. Die 26 Buchstaben des lateinischen Alphabets reichen vorn und hinten nicht aus, den Reichtum des schwäbischen Vokalismus wiederzugeben.

Besonders amüsant und effizient wird das Schwäbische durch Wortverschmelzungen. Ein Beispiel: Mit Hocketse bezeichnen die Menschen im alemannischen und schwäbischen Sprachraum ein Dorffest, bei dem es regional traditionelles Essen gibt (z. B. Rote Würste, Zwiebelkuchen oder Sauerkraut mit Schupfnudeln) und alkoholische Getränke, also Wein und Bier. Wörtlich könnten man die Bezeichnung mit »Da hocken sie« ins Hochdeutsche dechiffrieren. Auf einen ähnliche Kurzform stoßen wir auf Plakaten während unseres Spaziergangs durch Ravensburg. Stadtputzete steht dort geschrieben, was eine Initiative bezeichnet, bei der sich die Bürger an der herbstlichen Reinigung der Stadt beteiligen. Wörtlich übersetzt: »Sie putzen die Stadt«.

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Marie führt uns auch zu einigen Gebäuden der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. Die Duale Hochschule Ravensburg mit ihren Campus in Ravensburg und Friedrichshafen bietet ein breit gefächertes Studienangebot in den Fakultäten Wirtschaft und Technik an. Derzeit bilden bundesweit rund 1100 Partnerunternehmen ihren zukünftigen Fach- und Führungskräftenachwuchs an dieser Hochschule aus. Die Fakultät für Wirtschaft am Campus Ravensburg umfasst die Schwerpunkte Betriebswirtschaft, Mediendesign und Wirtschaftsinformatik. Angebotene Studienrichtungen sind Bank-, Finanzdienstleistungen, Handel, Industrie, Internationales Business, Gesundheitsmanagement, Medien- und Kommunikationswirtschaft, Messe-, Kongress- und Eventmanagement sowie Tourismus, Hotellerie und Gastronomie. Die Fakultät für Technik am Campus Friedrichshafen ist ein bundesweit anerkannter und geschätzter Studienstandort der Ingenieurwissenschaften.

Die 24 verschiedenen Studienrichtungen der Fakultät für Wirtschaft verteilen sich auf sechs Gebäude in der  Innenstadt von Ravensburg. Das jüngste Gebäude in der Rudolfstraße wurde am 26. Februar 2010 in einer Feierstunde offiziell eingeweiht und wird seit 1. Januar 2010 für den Studienbetrieb genutzt. Im Gebäude Marienplatz 2 sind das Rektorat, die Verwaltung sowie die Stabstellen des Rektorats untergebracht. Zudem finden Sie hier die Studiengänge Wirtschaftsinformatik und Wirtschaftsingenieurwesen, das TV- und Hörfunkstudio sowie das Labor des Studiengangs Mediendesign. Im Gebäude Oberamteigasse 4  (Abbildung oben) sind Maries Studiengänge Medien- und Kommunikationswirtschaft mit den drei Vertiefungen Journalismus/Unternehmenskommunikation, Verlage/Hörfunk/TV und Werbung sowie der Studiengang Mediendesign untergebracht.

Nachdem wir im Hotel ausgecheckt und Papa mit dem Wagen beim Zurückstoßen noch einen Blumenkasten zerdeppert hat, fahren wir Marie zu ihren Gasteltern ins benachbarte Weingarten. Der Ort ist nur rund fünf Kilometer von Ravensburg entfernt und die drittgrößte Stadt im Landkreis Ravensburg (24.000 Einwohner). Die Stadt ist überregional auch als Fasnet-Hochburg und durch den jährlichen Blutritt bekannt, der größten Reiterprozession der Welt zu Ehren einer Reliquie, die der Legende nach einen mit Erde vermischten Blutstropfen Jesu Christi enthält. Judith: »Genau das Richtige für Marie. Sie war schon immer ein Fan von Bibi Blocksberg.« (siehe auch: Hexengedicht, Kurs auf die Zinnowwald-Insel und Urlaub auf Amrum unten).

Maries Gastmutter ist total nett. Sie hat selbst zwei Kinder, von denen die ältere Tochter bereits das Haus zum Studieren in Mannheim verlassen hat. Da kam Marie gerade recht, um wieder Leben ins Haus zu bringen. Sie drückt das so aus: »Hoffentlich dauern die Arbeiten am Studentenwohnheim noch etwas länger.« Der Sohn züchtet Schildkröten. Die Wohnung ist gut bürgerlich eingerichtet, also gemütlich, die Sträßchen drumherum erinnern uns an die hessischen Kleinstädte, die wir seit Jahren kennen.

Gegen 11:00 Uhr sind wir endlich soweit, Richtung Paris abzureisen. Judith verdrückt noch ein Abschiedstränchen. Nun liegen rund 780 Kilometer vor uns. Wir werden über Ulm, Stuttgart und Baden-Baden fahren, bei Iffezheim über die Grenze gehen, dann via Metz und Reims am Abend in Paris ankommen.

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Unser Domizil in Paris ist für eine Woche eine kleine Wohnung im Stadtviertel (frz. Quartier) Marais. Sie gehört Isabelle, einer Französin in Berlin, die wir seit einigen Jahren kennen und die mit ihren beiden Kindern unweit von uns in Steglitz-Zehlendorf wohnt.

Der Marais (frz. Le Marais, dtsch. Morast, Sumpf) liegt am rechten, dem nördlichen Ufer der Seine, östlich von Beaubourg, zwischen der Place de la République und der Place de la Bastille. Er gehört sowohl zum 3. als auch zum 4. Arrondissement. Die ehemalige Sumpflandschaft wurde im 13. Jahrhundert von Angehörigen des Templerordens trockengelegt. Damals befand sie sich in einer Randlage, heute im Herzen der Stadt. Es handelt sich um ein besonders ursprüngliches Viertel von Paris, das die Haussmannschen Modernisierung des 19. Jahrhunderts überstanden hat. Und so haben hier die ältesten und prachtvollsten Hôtel particulier, die Stadtpaläste des Adels, neben den windschiefen Häusern der Handwerker, die hohen Mietshäuser neben den Ordensniederlassungen der Tempelritter überlebt.

Die Fahrt durch Süddeutschland ist ein Höllenritt: Staus von vormittags bis zum frühen Abend. Es ist uns unerklärlich, warum schon so früh am Tag die Autobahnen verstopft sind. Wahrscheinlich sind es Reisende, die den Nationalfeiertag am Donnerstag (3. Oktober) und den darauffolgenden Freitag (Brückentag) für einen Kurzurlaub genutzt haben und sich nun auf der Rückreise in ihre Heimat befinden. Erlösung finden wir erst auf der französischen Autobahn. Sie ist kostenpflichtig und schon aus diesem Grund weniger befahren als unser Autobahnnetz.

Es ist fast 22:00 Uhr, als wir Paris erreichen. Unser Navigationssystem führt uns zielsicher durch die engen Gässchen zur Wohnung in der Rue Sainte-Croix de la Bretonnerie. Einen Parkplatz gibt es nicht in den Straßen, also stellen wir den Wagen zum Entladen kurz in einer Einfahrt ab, um ihn anschließend im nächst gelegen Parkhaus am Place Baudoyer abzustellen. Unser Zimmerchen liegt im ersten Stock eines Vorderhauses, den wir über eine Korkenzieher-Wendeltreppe erreichen … doch es gibt auch einen Aufzug. Wegen des modrigen Geruchs zieht uns das Treppenhaus wie magisch an.

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Das Treppenhaus in der Rue Sainte-Croix de la Bretonnerie, Blick vom zweiten Stock nach unten zum Eingang erster Stock

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